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Die Arbeitswelt hat sich verändert. Kaum jemand übt mehr einen einmal gelernten Beruf bis zur Pension aus. Der Theologe und Soziologe Ansgar Kreutzer regt an, den Begriff „Arbeit“ zu überdenken.
„Es gibt immer mehr, die keine Arbeit haben, und immer weniger, die immer mehr Arbeit haben“, sagt Ansgar Kreutzer. „Zeit haben“ ist für manche zu einem Zeichen für Wohlstand geworden. Gemeint ist damit Zeit ohne berufliche Zwänge. Denn auch Freizeit dient oft der Arbeit: Man soll sich erholen, um wieder
besser arbeiten zu können. Zeit, über die man frei verfügen kann, darf nicht heißen: Autogenes Training am Sonntag Abend, damit man am Montag Morgen fit für den Job ist.
Religion Arbeit. Für manche hat Arbeit die Aufgabe der Religion übernommen, dem Leben einen Sinn zu geben. „Die Gefahr, wenn jemand den Sinn seines Lebens nur in der Arbeit sieht, ist, dass es kein Jenseits nach der Arbeit gibt“, sagt Kreutzer. Oft werden auch Menschen aus der Glaubenswelt als Vortragende für Wirtschaftsleute eingeladen. Das Argument dafür lautet, dass beide eigentlich das selbe suchen: Freiheit und zu sich selbst finden. In Wirklichkeit steht hinter dem Schlagwort der „Selbstorganisation“ häufig nicht die Freiheit des Einzelnen, sondern die Steigerung seiner Arbeitsfähigkeit.
Erwerb gilt mehr. „In unserer Gesellschaft gilt als gutes Leben, wenn man mehrere
Bereiche verbinden kann: Arbeitswelt –
Familie – gesellschaftliches Engagement – Freizeit“, so der Soziologe. Die politischen Rahmenbedingungen müssten es ermöglichen, an allen Bereichen teilzuhaben. Das heißt, für Männer muss es einfacher werden, mehr am Familienleben teilzunehmen, für Frauen mehr am Berufsleben. Noch immer haben männliche Arbeits-Biografien einen höheren Stellenwert, eine Auszeit aus dem Erwerbsleben für die Familie müssen die meisten rechtfertigen.
Familie Firma. Die Generation, die jetzt in Pension geht, hatte eine stärkere Anbindung an den Arbeitgeber. Das Ideal war: Einen Beruf lernen, in der Firma bleiben können und von dieser Arbeitsstelle in Pension zu gehen. „Das war aber eher noch in Zeiten der Vollbeschäftigung“, gibt Ansgar Kreutzer zu bedenken. Heute gibt es keine so große Anbindung an die Firma mehr, aber auch die Firmen halten nicht mehr an der Belegschaft fest. Arbeitnehmer/innen werden beliebiger eingestellt und entlassen. Das ist psychisch sehr anstrengend für die Arbeitnehmer/innen. Eine Folge ist, dass sie sich der Firma gegenüber nicht mehr so verpflichtet fühlen. Für Ansgar Kreutzer ist es unverständlich, dass Unternehmer nicht sehen, welcher Wert ihnen verloren geht, wenn sie nicht mehr auf loyale Arbeitnehmer setzen.
Aussteigen. Dass viele Menschen davon träumen „auszusteigen“, zeigt für Ansgar Kreutzer, dass die Arbeitswelt nicht mehr hält, was sie verspricht: materielle Sicherheit, soziale Einbindung und persönliche Entfaltung. Immer mehr Menschen haben zwar Arbeit, verdienen damit aber zu wenig zum Leben. Wer am Fließband arbeitet, wird kaum sagen können, dass das genau die Arbeit ist, aus der er sein Selbstwertgefühl bekommt.
Jeder ist etwas wert. Für Ansgar Kreutzer ist schlüssig, dass die Diskussion über ein Grundeinkommen kirchlich besetzt ist. Es entspricht der christlichen Haltung: Es ist gut, dass es jeden Menschen gibt, und jeder ist etwas wert – unabhängig von seiner Leistung. Außerdem sei ein Umdenken dringend erforderlich: „Arbeit zu Hause ist genauso Arbeit, und nicht nur Erwerbsarbeit.“ Gerade diese Arbeit ist gesellschaftlich „enorm wichtig“, trotzdem gilt Erwerbsarbeit als wichtigster Wert. Kreutzer findet es gut, dass diese Wertsetzungen im kirchlichen Bereich aufbrechen.
Judith Moser-Hofstadler
KIZ Ausgabe 2009/35
2009-09-01 09:50:47
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