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Foto: Archiv/Franz M. Glaser. |
12. März 1938. Es war der Tag, an dem mit dem Einmarsch Hitlers Österreich für sieben Jahre aufhörte, als selbstständiger Staat zu existieren.
Wie bitter die Jahre mit Hitler werden würden, ahnten wohl nur wenige, damals, nach dem Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland. Der am 26. Oktober 2007 seliggesprochene Franz Jägerstätter war einer von denen, die sich nicht täuschen ließen. Es begann die Zeit, in der der Boden Europas mit Stiefeln getreten wurde. Ganze Länder wurden überrannt. Militärkonvois, doch bald danach gehörten die Flüchtlingskolonnen, zum Alltag in Europa – und darüber hinaus. Wer sich wehrte, wurde niedergetreten und ausgelöscht. 70 Jahre danach hat Österreich Grund zur Dankbarkeit, dass es aus der nationalsozialistischen Fessel befreit wurde – und viel Grund zur Wachsamkeit.
Die Kirche ist gefordert
Zum Gedenkjahr 2008: Die Lehren aus der Geschichte ziehen
Am 12. März 1938 begann mit dem Einmarsch deutscher Truppen der Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland. Der Theologe und Historiker Maximilian Liebmann über seine Erwartungen an das Gedenkjahr.
Die „feierliche Erklärung“, mit der die Bischöfe Österreichs 1938 den „Anschluss“ begrüßt haben, sei nicht bloß auf eine „schwache Stunde“ der Oberhirten zurückzuführen, meint Maximilian Liebmann. „Das war auch ein Ausdruck der damaligen Pastoraldoktrin: Unsere erste Aufgabe ist es, das freie seelsorgliche Wirken der Kirche zu ermöglichen. Sonst geht uns die Politik nichts an.“ Auch dem „politischen Katholizismus“ in der
Monarchie und der Zwischenkrigszeit ging es vor allem um die Absicherung des Einflussbereiches der Kirche und kaum um so grundlegende Anliegen wie soziale Gerechtigkeit oder Menschenrechte, meint Liebmann. Es sei daher auch nicht verwunderlich, dass viele Katholiken unter der Führung ihrer Hirten keine politische kritische Wachsamkeit entwickelt haben. Für Liebmann ergeben sich aus den Ereignissen von damals „und auch, wie wir damit nach 1945 umgegangen sind“, vier „Wünsche“ an die Kirche zum Gedenkjahr.
Aufarbeiten. „Wir sollten aus den von Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000 formulierten Vergebungsbitten der Kirche endlich auch als Kirche von Österreich Konsequenzen ziehen“, meint Liebmann. Ein Schritt dazu wäre die Einsetzung einer weisungsfreien, wissenschaftlich gut qualifizierten Historikerkommission mit dem Auftrag, das Wirken der Kirche und das Kirche-Staat-Verhältnis im 20. Jahrhundert gründlich aufzuarbeiten.
Neu orientieren. Die Kirche Österreichs, so Liebmann, sollte im Sinne der „kopernikanischen Wende“, die das Zweite Vatikanische Konzil in der Laien-Theologie vollzogen hat, ihre Pastoral neu orientieren. Laien seien demnach nicht mehr die „verlängerte Werkbank der Bischöfe und Priester“, sondern sie haben eine eigenständige Berufung vom Herrn selbst, an der Sendung der Kirche mitzuwirken. Bei uns gebe es immer noch eine stark hierarchisch orientierte Sicht des Laienapostolates, die im Licht der Konzilstexte korrigiert werden müsste – auch aus den Erfahrungen der Vergangenheit („Es ist katholischer, mit dem Bischof im Irrtum als gegen den Bischof in der Wahrheit zu schreiten“ – Wiener Seelsorgertagung 1935).
Einmengen. Die Kirche müsse sich als ganze – nicht nur die Caritas – stärker in die Politik einmengen. Dabei gehe es nicht um Parteipolitik, betont Liebmann, sondern um das beherzte Eintreten für Menschenwürde und Menschenrechte, für soziale Grundwerte, Demokratie und Gemeinwohl. Diese Verantwortung wahrzunehmen sei kein Randthema, sondern gehöre zum Kern des Christseins.
Nachdenken. Die Kirche sollte über neue Formen der Finanzierung nachdenken. Sonst
könnte angesichts der anhaltend hohen Austrittszahlen die Rechnung Adolf Hitlers, die damals bei Einführung des Kirchenbeitrages nicht aufgegangen ist, heute aufgehen.
Zur Sache
Kirche und Anschluss
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 und dem sogar vonHitler nicht erwarteten stürmischen Empfang durch die Bevölke-
rung veröffentlichte Kardinal Theodor Innitzer noch am selben Tag einen Aufruf. Er forderte die Katholiken darin auf, am folgenden Sonntag für den unblutigen Verlauf der großen politischen Umwälzungen zu danken. Für viele war das aber bereits ein „Ja der Kirche zum Anschluss“, meint der Kirchenhistoriker M. Liebmann. Das auch deshalb, weil es keinerlei Protest der offiziellen Kirche gegen den Anschluss gab, obwohl die österreichischen Bischöfe 1937 in einem Hirtenwort der bedrängten Kirche im Deutschen Reich ihre Solidarität versichert hatten.
Am 15. März besuchte Innitzer Hitler im Hotel Imperial und versicherte ihm die Bereitschaft der Katholiken, loyal zum neuen Staat zu stehen. Hitler versprach ihm, dass die Kirche das nicht bereuen werde. Am 18. März unterschrieben die
Bischöfe die von Gauleiter Bürckel mitverfasste „feierliche Erklärung“, in der sie den Anschluss befürworteten und die Gläubigen aufriefen, sich „als Deutsche zum Deutschen Volk“ zu bekennen. Die Erklärung und der mit „Heil Hitler“ unterzeichnete Begleitbrief Innitzers wurden von den Nazis als Werbung für die Volksabstimmung verwendet. Innitzer wurde deshalb nach Rom zitiert und von Papst Pius XI. schwer gemaßregelt.
Hans Baumgartner
Hitlers „schreckliche“ Theologie und ihre bleibende Versuchung
Gemeinsame Feindbilder machten auch viele Kirchenführer – zumindest „auf einem Auge“ – blind
Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher befasste sich mit der „Religion“ Hitlers und ihrer Wirkung. Und er ging der Frage nach, warum sich viele Kirchenführer nicht schon früh klar vom NS-Regime distanzierten.
Interview: Josef Wallner
Der Titel Ihres Buches überrascht: „Hitlers Theologie“. Was hat ein Diktator, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, mit Theologie zu tun?
Bucher: Hitler war natürlich kein christlicher und auch kein wissenschaftlicher Theologe. Aber ich verstehe Theologie als Rede von Gott, die Wirkung hat. Und das trifft bei Hitler zu, so intellektuell erbärmlich sie auch ist. Ich weiß, dass der Titel provoziert, weil er Theologie in die Nachbarschaft mit dem größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte rückt – aber es gibt eben auch eine schreckliche Theologie.
Hitler hat in seinen Reden oft das Wort Gott oder Vorsehung in den Mund genommen. War das nicht bloß Propaganda?
Bucher: Nein, es ist völlig klar, dass sein „Glaube“ ihn angetrieben und sein ganzes Handeln bestimmt hat – bis zu seinem Ende.
Aber Gegner Hitlers – oft einfache Menschen – haben ihn doch als gottlos bezeichnet …
Bucher: Der Gott Hitlers hat mit dem Gott der Christen, dem gnädigen und verzeihenden Gott Jesu nichts zu tun, aber Hitler war kein Atheist. Und er war übrigens auch kein Anhänger einer neuheidnischen germanischen Religiosität, sondern er hatte sich selbst eine „Theologie“ gezimmert: Er glaubte an die Erschaffung der Welt in unterschiedlichen Stufen der Rassen. Und sein Glaubensbekenntnis gipfelte in der Überzeugung, dass er – so heißt es in „Mein Kampf“ – das Werk des Herrn vollbringt, wenn er sich der Juden erwehrt.
In der Rückschau wurde Hitler mehr mit dem Bösen, dem Antichristen, in Verbindung
gebracht, nicht mit den Theologen …
Bucher: Inhaltlich stimmt das und die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ hat das auch folgendermaßen ausgedrückt: „Jedes Wort, das aus Hitlers Mund kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den Satan.“ Seine Theologie ist das genaue Gegenteil der christlichen Theologie und so kann man ihn durchaus Antichrist nennen.
Warum hat sich die katholische Kirche dann nicht schon früh deutlich von der Theologie Hitlers abgegrenzt?
Die Kirche hat sich zwar intensiv mit dem Neuheidentum von Alfred Rosenberg und seinem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ auseinander gesetzt, mit Hitlers religiösen Bezügen in seinen Reden und Schriften aber wenig. Als er dann 1933 an die Macht gekommen ist, hat die Kirche vor allem auf die Sicherung ihres eigenen Wirkungsbereiches geachtet, wie zum Beispiel auf die Liturgie. Die Kirche hat im Wesentlichen nicht über den Zaun der eigenen Institution hinausgeschaut. Wie übrigens die kommunistische Partei auch nicht. Da hat sich für die Kirche die strikte Ablehnung der Aufklärung bitter gerächt: Die Kirche hatte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Begriffe wie Menschenrechte und Freiheit nicht positiv in ihrem theologischen Wortschatz.
War der Blick der Kirche nicht auch durch „Gemeinsamkeiten“ mit dem Nationalsozialismus getrübt?
Bucher: Man war sich einig in der Ablehnung des Kommunismus und in der Ablehnung des Liberalismus und auch der Demokratie. Kardinal Faulhaber hat bei einem Katholikentag in der Zwischenkriegszeit noch gesagt: Könige von Volkes Gnaden (gewählte Volksvertreter) sind keine Gnade für das Volk.
Worin liegt die Herausforderung der Theologie Hitlers für die Kirche heute?
Bucher: Die Kirche hat mit dem 2. Vatikanischen Konzil ihre Antwort gegeben. Der Einsatz für die Menschenrechte, die Freiheit und die Würde jedes Menschen gehört zu den Grundentscheidungen des Konzils. Und diese Entscheidungen umzusetzen, ist eine religiöse Aufgabe. Konkret hat das Papst Johannes Paul II. gezeigt, was es heißt, nicht nur die eigenen Reihen zu schützen, sondern sich weltweit für Freiheit und Frieden einzusetzen.
Bestehen die Versuchungen, die in Hitlers Theologie liegen, weiter aktuell?
Bucher: Da gibt es in der Kirche weiter die Versuchung nach zu großer uniformer Gemeinschaft, deren Kehrseite die Tendenz zur Ausgrenzung ist. Es gilt beides: das Geschenk der Gemeinschaft anzunehmen, aber auch das Alleinsein zu ermöglichen. Eine weitere Versuchung besteht in der Überbetonung der Tapferkeit gegenüber dem Alltag. Hitler ließ nur den Helden gelten. Doch beides gehört zur christlichen Existenz und der Ernstfall des Christen ist in der Regel der Alltag, der mühevolle, gewöhnliche Alltag.
Wie kann man den angesprochenen
Versuchungen widerstehen?
Bucher: Das Eine ist das informierte und
wache politische Bewusstsein, das auch bereit ist, die eigenen Positionen nicht absolut zu setzen und immer wieder zu hinterfragen.
Ein Zweites besteht in der schlichten Aufmerksamkeit der Mitmenschlichkeit: im anderen den Bruder und die Schwester zu sehen.
Und für mich gehört auch der Blick auf den Gekreuzigten dazu: Jesus wurde am Kreuz solidarisch mit dem letzten der Menschen.
Dieser Blick Gottes muss auch immer mehr unsere Perspektive werden.
- Buchtipp. Rainer Bucher, Hitlers Theologie, Echter-Verlag 2008, 228 Seiten, 17,30 Euro.
KIZ Ausgabe 2008/10
2008-03-07 10:17:00
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