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Liebe Schwestern und Brüder!
Am Beginn der österlichen Bußzeit will ich in diesem Jahr das bedeutsame Thema der Berufung ansprechen. Ich möchte Sie dazu ermutigen, das Bewusstsein für die je eigene Berufung zu schärfen, denn die Wege, auf die Gott jeden einzelnen von uns führen möchte, sind vielfältig. Wir alle sind dabei gerufen, mit unseren Gaben und Talenten mitzuwirken am Aufbau des Leibes Christi (vgl. Eph 4,12). Wir danken Gott für die zahlreichen Frauen und Männer, die ehrenamtlich ihre Fähigkeiten in das Leben der Kirche einbringen. Wir danken für das Engagement der Frauen und Männer in den verschiedensten kirchlichen Diensten. Wir danken Gott für die Priester, Diakone und Ordenschristen und bitten ihn, dass er auch in unserer Zeit junge Menschen zu einer solchen Lebensform ruft. Jesus Christus, Fundament der Kirche In der Gegenwart der Kirche bricht Hoffnung auf, wenn wir ihren tiefen Grund kundtun, bezeugen und feiern: Jesus Christus. Bereits Johannes der Täufer hat sehr deutlich auf ihn hingewiesen: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn“ (Joh 1,23). Im Dienste dieser Botschaft steht auch die Kirche heute. Sie hat keine andere Aufgabe als die, auf den Herrn hinzuweisen, der im Kommen ist. Die Kirche hat nämlich ihren Grund nicht in sich selbst, sondern findet ihr Fundament nur im Glauben an den kommenden Herrn. Ohne diesen Glauben an Christus wäre die Kirche nichts anderes als ein kurioser Verein. Die Kirche aber ist jene Gemeinschaft von Menschen, die davon überzeugt sind, dass das Entscheidende letztlich nicht von uns Menschen her geschieht, sondern von Christus. Um dies der kirchlichen Gemeinschaft immer wieder in Erinnerung zu rufen, gibt es in ihr das geweihte Amt des Diakons, Priesters und Bischofs, welches nicht einfach eine Sache der Delegation von Seiten der Gemeinde sein kann, sondern vielmehr der sakramentalen Sendung durch Christus ist. So bedarf es etwa zur Feier der Eucharistie unbedingt des priesterlichen Dienstes. Diese Grundüberzeugung unserer Kirche hat Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika über die Eucharistie besonders in Erinnerung gerufen: Um wirklich „eucharistische Versammlung sein zu können“, benötigt die Gemeinde, die zur Feier der Eucharistie zusammenkommt, unbedingt den Priester, der ihr vorsteht. Sorge um Priesterberufungen Als Bischof erfüllt es mich daher mit Sorge und Schmerz, dass wegen des gegenwärtigen Priestermangels so manche Pfarre nicht mehr jeden Sonntag die Eucharistie feiern kann. Diese ist aber seit den ältesten Zeiten der Sonntagsgottesdienst schlechthin. Sie ist Quelle, Mitte und Höhepunkt des kirchlichen Lebens. In dieser großen Sorge müssen wir uns auf die Notwendigkeit des priesterlichen Dienstes besinnen und auch das Gebet um neue Priesterberufungen verstärken. Trotz der uneingeschränkten Wertschätzung aller kirchlichen Dienste möchte ich deshalb heute besonders für die Bereitschaft zu geistlichen Berufen werben. Bitte um die Mitsorge aller Gläubigen Ich bitte Sie, liebe Schwestern und Brüder, dabei auch um Ihre Mitsorge und Mitverantwortung, denn bei der Berufungspastoral und speziell bei der Weckung neuer Priesterberufungen kommt den Pfarren eine unersetzliche Aufgabe zu. Gerade in einer Zeit, in der „versorgte“ Pfarren sich zu „sorgenden“ Pfarrgemeinden entfaltet haben, gehört es mit dazu, dass sie sich um die Zukunft der Kirche gerade auch im Blick auf die Weckung neuer Berufungen sorgen und sich um dieses wichtige Anliegen kümmern. In manchen Pfarren gibt es jedoch immer noch ein relativ unbekümmertes Anspruchsdenken. Ganz selbstverständlich erwarten sie vom Bischof, dass er ihnen einen Priester vor Ort zur Verfügung stellt. Aber fragen sie sich auch, ob sie selbst in ihren Pfarren junge Menschen zum kirchlichen und speziell zum priesterlichen Dienst ausreichend ermutigen? Bemüht man sich um die Vertiefung des Glaubens, um ein überzeugendes christliches Leben und um das Gebet für geistliche Berufe? Der heutige Priestermangel enthält deshalb auch eine ernste Rückfrage an die Pfarren und an die einzelnen Gläubigen, ob sie ihr Christwerden und Christsein als persönliche Berufung verwirklichen und bewusst als Getaufte leben. Nur wenn wir die elementare Berufung zum Christsein in ihrer Tiefe und Strahlkraft wiederentdecken, kann es erneut mehr Berufungen zum geistlichen Leben und zum kirchlichen Dienst geben. Aus der Quelle jenes Lebens, das uns in der Taufe mitgeteilt wird, erfließen die Charismen, Dienste und Ämter in der Kirche. Berufung zum Dienst Jesus ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen (Mk 10,45). Christsein in der Nachfolge Jesu ist daher eine Berufung zum Dienst. Gott braucht Menschen. Inmitten des Volkes Gottes gibt es viele Dienste für sie. Gott ruft zum Dienst in der Familie und er ruft in den Dienst der Pfarrgemeinden. Gott ruft zum Dienst in der Pastoral, im Religionsunterricht, in Wissenschaft, Bildung, Kunst, Kultur und Politik, in der Caritas, zu sozialen und missionarischen Aufgaben und anderen Hilfswerken. Hauptaufgabe all dieser Berufungen und Dienste ist es, Gott zu den Menschen zu bringen und die Menschen zu Gott. Das wird beispielhaft deutlich im Amt des Priesters und im Dienst der Ordensfrauen. Mut zum Dienst als Priester Unsere Kirche braucht Priester, denn trotz des dankbar angenommenen Einsatzes von haupt- und ehrenamtlich tätigen Mitchristen können Priester letztlich nur durch Priester ersetzt werden. Mit einer gewissen Sorge stelle ich allerdings fest, dass diese Überzeugung bei manchen Gläubigen geschwunden ist. Bisweilen wird geradezu despektierlich behauptet, das Priestertum sei ohnehin ein „Auslaufmodell“. Andere meinen, es sollte bald keinen Unterschied mehr zwischen Laien und Geweihten geben. Wieder andere sehen die Lösung des Priestermangels fast ausschließlich in veränderten Zulassungsbedingungen für dieses Amt. Zweifellos stehen hinter der wiederholt erhobenen Forderung auch nach verheirateten Priestern echte pastorale Sorgen. Dennoch hält die katholische Kirche in der lateinischen Tradition entschieden an der Ehelosigkeit des Priesters fest, und zwar aus guten Gründen. Denn mit der Weihe und dem Versprechen eines ehelosen Lebens weist der Priester existenziell auf die kommende Welt, auf das von Jesus Christus verheißene Reich Gottes hin, das im Kommen ist. Mit seinem ganzen Leben macht er der Kirche bewusst, dass sie in dieser Welt keine bleibende Stätte hat, sondern dass sie als Volk Gottes auf ihrer irdischen Wanderschaft unterwegs ist zur wahren Heimat im Reich Gottes. Der Priester ist deshalb in besonderer Weise berufen, wie Johannes der Täufer auf den kommenden Christus hinzuweisen und die Kirche daran zu erinnern, wie im Gleichnis der klugen Jungfrauen mit brennenden Lampen auf den Herrn zu warten. Diese Lebensweise kann für den Priester selbst zu einer harten Herausforderung werden. Noch mehr ist sie für viele Menschen unserer Zeit ein Ärgernis. Nicht zuletzt jene Menschen, die jegliche Erfüllung ihres Lebens nur noch innerhalb der irdischen Zeit erkennen können, vermögen einer „Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“ bloß mit Unverständnis zu begegnen. Es tut weh, dass das Zeichen eines um Jesu Christi Willen ehelosen Lebens in unserer säkularisierten Gesellschaft kaum mehr verstanden wird. Umso wichtiger ist da das bleibende Lebenszeugnis der Priester, die den Blick über diese Zeit und Welt hinaus signifikant offen halten. Wer sich heute von Gott zum Priester berufen weiß, muss im Ja-Wort zu dieser Berufung auch die zölibatäre Lebensform wagen und ist dabei darauf angewiesen, von den Gläubigen und Pfarrgemeinden mitgetragen und ermutigt zu werden. Priesterberufungen können nur in einem familiären und kirchlichen Umfeld gedeihen, in dem auch das Zeichen der Ehelosigkeit verstanden und in seiner Bedeutsamkeit verteidigt wird. Prophetische Berufung der Ordensfrauen Vom gesellschaftlichen Wandel unserer Zeit sind auch die Ordensfrauen in besonderer Weise betroffen. Es braucht darum ein neues Fragen, was das Ordensleben innerhalb der Kirche tatsächlich ausmacht, damit es heute und morgen noch dem Auftrag gerecht wird, das Reich Gottes zu bezeugen und aufzubauen. Das Streben nach der vollkommenen Liebe auf dem Weg der evangelischen Räte hat seinen Ursprung in der Lehre und im Leben Jesu Christi. Darum gab und gibt es seit den Ursprüngen der Kirche Männer und Frauen, die in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam Christus in größerer Freiheit nachfolgen und auf diese Weise ein gottgeweihtes Leben führen, das sie zugleich in den Dienst am Nächsten stellen. Wie viele Einrichtungen von Ordensfrauen gibt es doch in unserer Diözese (Klöster, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime etc.)! Wie viel Segen geht von ihnen für unser ganzes Land aus! Und doch gibt es derzeit allzu wenige junge Menschen, die bereit sind, diesen Weg der Nachfolge Christi und des Dienstes besonders an den Bedürftigen zu gehen. Dabei ist das Ordensleben ein Weg, der einer Berufung durch Gott entspringt und zu einem sinnerfüllten, bereichernden Leben führen will. Zugleich berührt, fördert und hebt die Berufung und Sendung der Ordensfrauen auch die Stellung der Frau in der Kirche. Das anspruchsvolle Leben in gottgeweihter Jungfräulichkeit verweist auf einen respektvollen Umgang mit Menschen und darüber hinaus mit allem Geschaffenen. Ehelosigkeit bedeutet dabei nicht Beziehungslosigkeit, vielmehr ist gerade im Bemühen um unvoreingenommene Beziehungsoffenheit ein erfülltes Leben auch ohne Ausübung der Sexualität möglich. Ja, die Erfahrung vieler Menschen – nicht nur im Ordensberuf – zeigt, dass es erfülltes Leben trotz manch unerfüllter Wünsche gibt. Man muss nicht erst alles haben, um glücklich zu sein. Die evangelischen Räte sind gerade in ihrer hoffnungsfrohen Erwartung der Zukunft Gottes ein eschatologisches Zeichen in der Kirche, ein starker Hinweis auf das Leben der kommenden Welt, ein wichtiges Zeugnis des Vertrauens auf den endgültigen Beistand Gottes und eine spürbare Verdeutlichung seiner Liebe auf dem Weg durch diese Zeit. Das geweihte Leben gibt ein prophetisches Zeichen „von der Vorrangstellung, die Gott und die Werte des Evangeliums im christlichen Leben haben. Kraft dieser Vorrangstellung darf nichts über die persönliche Liebe zu Christus und zu den Armen, unter denen man lebt, gestellt werden“ (Vita Consecrata 84). Dieses Zeugnis von Frauen und Männern in den verschiedensten Ordensgemeinschaften braucht die Kirche heute mehr denn je. Geistliche Berufe als gemeinsames Anliegen Gott gebe, dass wir in der Diözese Linz das Anliegen „geistlicher Berufungen“ mit großem Ernst neu aufnehmen und fördern. Ich bitte alle Pfarrgemeinden, Ordensgemeinschaften und Bewegungen, häufig (wenn möglich jede Woche) eine Stunde Anbetung beim Herrn im Sakrament seiner eucharistischen Gegenwart zu halten. Dabei geht es vor allem um das Hören und Dasein vor ihm. Wo dies geschieht, zeigen sich Früchte einer tieferen Gemeinschaft mit Gott und im Dienst an den Menschen. Am 18. März 2007 finden die Pfarrgemeinderatswahlen statt. Möge anschließend in jedem Pfarrgemeinderat auch ein Mitglied speziell die Sorge um die kirchlichen und geistlichen Berufe übernehmen, wobei besonderes Augenmerk auf die Ministranten und Ministrantinnen zu richten ist. Abschließend danke ich den Priestern, Diakonen und Ordensleuten sowie allen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren treuen Einsatz und ihre große Liebe zur Kirche. Ich bitte alle um die Mitarbeit in der gemeinsamen Sorge um die Zukunft unserer Kirche als Hoffnung für die Welt. Je mehr wir alle unsere je eigene Berufung neu entdecken und ihr freudig folgen, desto eher wird in unserem Land auch das christliche Leben neu Gestalt gewinnen. Dazu sei uns die Gottesmutter Maria Fürsprecherin und Helferin. Mit Ihnen verbunden im Gebet grüßt und segnet Sie Dr. Ludwig Schwarz SDB Bischof von Linz
2007-01-18 12:00:00
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