Samstag 24. Februar 2018

Friede/Gerechtigkeit

25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Weisheit 2,1a;12,17-20

 

Autorin: Mag.a Lucia Göbesberger, Referentin im Sozialreferat der Diözese Linz

In der Lesung aus dem Buch der Weisheit heißt es: „Die Frevler tauschen ihre verkehrten Gedanken aus …“ – Zweifellos! Die Frevler sind auf dem Holzweg, sie sind Schufte. Den Opfern gebührt unser Mitleid und den Frevlern und Frevlerinnen die Verachtung, die gerechte Verurteilung.

Soweit die Theorie, alles klar. Im Alltag sind die Situationen nicht immer so eindeutig. In Konfliktsituationen, bei Streitereien lässt sich Schuld und Unschuld allzu oft nicht eindeutig zuweisen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich häufig, dass beide Seiten dazu beigetragen haben. Sei es nun bei Konflikten zwischen unseren NachbarInnen, unseren ArbeitskollegInnen oder unseren Verwandten. Hinzu kommt: je emotionaler der Streit, die Klagen, desto größer der Wunsch Partei zu ergreifen. Aber desto schwieriger wird es auch, Gerechtes von Ungerechtem zu unterscheiden, desto unschärfer werden die Grenzen. Schwierig ist ein Urteil auch bei jenen Konflikten, über die wir durch die Medien informiert werden: Kriege, Wirtschaftsdesaster und dergleichen mehr.

Wer ist gerecht und wer ungerecht? Wie kann ich mir ein gerechtes Urteil bilden? Bin ich gerecht, weil ich hier und heute öffentlich anprangere? Was muss ich tun, um gerecht zu sein?

Diese Fragen der Gerechtigkeit behandelt das im Juni 2015 erschiene Schreiben Papst Franziskus‘: die Enzyklika Laudato si’ mit dem Untertitel „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“. Sie fragt: Was ist zu tun, damit alle Menschen gut leben können, ihnen Gerechtigkeit zuteil wird – den heute lebenden Menschen und den kommenden, unseren Enkelinnen und Enkeln. Wie kann mit dem Streit, den Konflikten umgegangen werden, wie kann eine zukunftsweisende Lösung gefunden werden? Die Enzyklika geht mit dem Dreischritt: „Sehen – urteilen – handeln“ an die Proble­matik heran.

Sehen: Die Ursachen liegen in der ungerechten Verteilung von Ressourcen und Lebens­chancen. Ein kleiner Teil der Menschheit lebt auf Kosten der Ausgeschlossenen, deren Lebensgrundlagen zerstört wurden und werden. Gründe sind die durch die Menschen mitverursachte Klimaveränderung (Ausbreitung der Wüste, Dürre, Überschwemmungen, …), verschmutzte Wasservorräte und zerstörte Gebiete, z. B. wegen des Abbaus von Rohstoffen wie Kupfer und Gold, der Müllexport des Nordens in den Süden, sklavische Arbeitsbedingungen, … – eine maßlose Wirtschafts- und Konsumkultur ohne Korrektur durch die Politik.

Urteilen: Wir Menschen sind zugleich Bittende, Bedürftige und Gebende, Schenkende. Wir können gestalten, wir können geben. Andererseits sind wir Abhängige. Wir sind Nehmende, wir brauchen die Umwelt, die Natur und den oder die andere. Notwendigerweise! Nicht nur weil Arbeitsteilung herrscht. Auch weil wir Menschen nur unter bestimmten Bedingungen leben können, weil wir abhängig sind von der Natur und von den Menschen, vom Miteinander, von der Kooperation von Zuwendung und Aufmerksamkeit. Zugleich sind Begegnungen Gottesbegegnungen. Im Du, im Nächsten und in der Natur finden wir Gott, immer wieder aufs Neue.

Die Enzyklika kommt zum Urteil, dass die Beziehungen zur Natur, zu den Nächsten zu uns selbst und damit zu Gott unterbrochen oder zumindest irritiert sind. Die Konsumkultur so ist in der Enzyklika Laudato si’ zu lesen, gaukelt uns vor, dass es nur um uns selbst geht, um uns als Einzelne, um Selbstverwirklichung. Dieser Selbstverwirklichung oder vielleicht sogar Selbstverherrlichung dient der Konsum. Papst Franziskus hegt den Verdacht, dass mit dem Konsum die innere Leere kompensiert werden soll. Ein erfolgloses Projekt wie er meint mit schwerwiegenden Konsequenzen. Laudato si’ führt aus: „Wenn die Menschen selbstbezogen werden und sich in ­ihrem eigenen Gewissen isolieren, werden sie immer unersättlicher. Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. Ebenso wenig existiert in diesem Gesichtskreis ein wirkliches Gemeinwohl. Wenn dieser Menschentyp in einer Gesellschaft tendenziell der vorherrschende ist, werden die Normen nur in dem Maß respektiert werden, wie sie nicht den eigenen Bedürfnissen zuwiderlaufen. Deshalb denken wir nicht nur an die Möglichkeit schrecklicher klimatischer Phänomene oder an große Naturkatastrophen, sondern auch an Katastrophen, die aus sozialen Krisen hervorgehen, denn die Versessenheit auf einen konsumorientierten Lebensstil kann – vor allem, wenn nur einige wenige ihn pflegen können – nur Gewalt und gegenseitige Zerstörung auslösen:“ (Laudato si’ 204)

Handeln: Es ist Zeit die Notbremse zu ziehen, einen langsameren Gang einzulegen. Es ist Zeit uns von der Vorstellung zu verabschieden, dass wir Menschen die Krone der Schöpfung sind – einer Versuchung, der besonders die Privilegierten, die Nicht-Armen erliegen. (Laudato si’ positioniert sich klar auf der Seite der Ausgeschlossenen.) Es ist Zeit uns selbst wieder als Teil der Schöpfung zu betrachten und nicht als jene, die alles können und besser wissen. Für eine gelingende Zukunftsgestaltung braucht es daher ein Selbst- und Naturverständnis, das von der Verbundenheit von allen und allem ausgeht.

Und wir müssen einander zuhören. Den anderen, wie es auch die Frevler, die Schufte, die Verurteilungswürdigen, in dieser Bibelstelle tun, eine Chance geben: „Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind …“ – doch noch ein leiser letzter Verdacht, dass sie, die Frevler, im Unrecht sind. Diesem Funken die Chance geben und mit der Haltung an die anderen herantreten, dass sie Recht haben könnten, dass ihre Position ebenso berechtigt ist. Ja, dass sie gehört und ernst genommen werden muss, wenn Gerechtigkeit werden soll. Laudato Si’ fordert den Dialog mit Nachdruck: „Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle.“ (14)

Bedingung für einen gelingenden Dialog ist, alle Betroffenen, auch jene die von den Produkten nicht profitieren, sie nicht nutzen werden, sie sich nicht leisten können und alle Beteiligten, die Wirtschaftstreibenden, die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die Philosophie und die Religionen einzubeziehen. Es hat bereits viele gescheiterte Gespräche gegeben, trotzdem ermuntert Laudato si’ zur Zuversicht: Trotzdem ist nicht alles verloren, denn die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, können sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern, (...) Sie sind fähig, sich selbst ehrlich zu betrachten, ihren eigenen Überdruss aufzudecken und neue Wege zur wahren Freiheit einzuschlagen. Es gibt keine Systeme, die die Offenheit für das Gute, die Wahrheit und die Schönheit vollkommen zunichte machen und die Fähigkeit aufheben, dem zu entsprechen. Diese Fähigkeit ist es ja, der Gott von der Tiefe des menschlichen Herzens aus fortwährend Antrieb verleiht. Jeden Menschen dieser Welt bitte ich, diese seine Würde nicht zu vergessen; niemand hat das Recht, sie ihm zu nehmen.“ (205)

Abschließend ist in der Enzyklika zu lesen:
Gott, der uns zur großzügigen und völligen Hingabe zusammenruft, schenkt uns die Kräfte und das Licht, die wir benötigen, um voranzugehen. Im Herzen dieser Welt ist der Herr des Lebens, der uns so sehr liebt, weiter gegenwärtig. Er verlässt uns nicht, er lässt uns nicht allein, denn er hat sich endgültig mit unserer Erde verbunden, und seine Liebe führt uns immer dazu, neue Wege zu finden. Er sei gelobt. (245)

Gebet für unsere Erde
Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.
Gott der Armen, hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.
Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde.
Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Kampf
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

(Quelle: Laudato si’)

 

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INTERESSE wird vom Sozialreferat der Diözese Linz herausgegeben. Die gedruckte Ausgabe von INTERESSE erscheint vier Mal im Jahr und kann beim Sozialreferat der Diözese Linz [sozialreferat@dioezese-linz.at] abonniert werden.

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