01.01.2012
Hinter dem „guten Rutsch“, den viele Menschen sich vor dem Jahreswechsel wünschen, steht mehr als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Er enthält den Wunsch nach einem angenehmen Hinübergleiten in einen neuen Zeitabschnitt. Das diese Wort mit „rutschen“ gar nichts zu tun hat, ist den meisten Menschen unbekannt. Dieses Wort ist einfach der jüdische Ausdruck für das Neujahrsfest. Je nach Stimmungslage feiern wir diese Nacht auf verschiedenste Weise: leise, zu den Klängen des Donauwalzers oder auch laut. Scheinbar versucht der Mensch immer wieder durch Lautstärke seine eigene Unsicherheit zu übertönen. Und um die geht es ja an diesem Tag besonders. Denn jede Veränderung macht Angst, auch wenn es nur eine neue Jahreszahl ist. Zum Jahreswechsel haben ja die Angstmacher und auch die Angst-Beschwichtiger Hochsaison. Das Befragen des Horoskops, das Bleigießen und der Alkoholkonsum haben ja eines gemeinsam: Den Kampf gegen die Angst.
Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Menschen in solchen Situationen auch nach einem religiösen Halt suchen, nach einer letzten Orientierung. Während es nach überstandenem Katzenjammer bei den meisten Menschen wieder im gewohnten Trott weitergeht, versuchen die Schrifttexte des heutigen Festes eine wesentliche Antwort auf unsere Unsicherheiten zu geben.
Es ist eine ganz eigenartige Auswahl von Schrifttexten für den heutigen Festtag vorgesehen, kurze Texte, die aber im Grunde das ganze Weltgeschehen zur Sprache bringen, nicht das äußere Geschehen, sondern das, was unserer Welt von Gott her angeboten wird und was wir uns an jedem Tag des Neuen Jahres ins Bewusstsein rufen lassen müssen. Und gerade was uns da gesagt und wie es gesagt wird, gibt uns auf ungewohnte Weise zu denken, vielleicht besonders, wenn uns das alles am ersten Tag des neuen Jahres gesagt wird, ohne dass diese Texte etwas ausdrücklich zum Neujahrstag ausdrücken wollen.
In beiden Texten wird auch Maria nur kurz erwähnt, der doch der heutige Tag geweiht ist. Da erwähnt Paulus nur die Geburt des Gottessohnes aus der „Frau“ und spielt hier eindeutig auf die Paradieserzählung an, wo die Frau, Eva, durch ihr Nein zu Gott die Schöpfung in eine Katastrophe geführt hatte. Maria hatte durch ihr „Ja“ zu Gott das Eintreten Gottes in diese Welt ermöglicht. Hier kommt die Frage auf: Brauchte Gott dieses Ja eines Menschen, um die Erlösung zu bewerkstelligen? Hätte er nicht andere Möglichkeiten gehabt? Das steht außer Frage! Aber es zeigt sich, wie sehr Gott die Freiheit des Menschen schätzt, dass er ihn nicht überrumpeln will, nicht einmal mit seiner Erlösungstat, sondern dass er die Bereitschaft eines Menschen wünschte, die stellvertretend für alle Menschen dieses Jawort sprach.
Und nun folgen in knappen Sätzen die Folgerungen aus diesem „Ja“ Mariens: wir sind freigekauft, wir sind „Söhne und Töchter“ Gottes, sein Geist ist in unserem Herzen, wir dürfen ihn mit kindlichen Bezeichnung „Abba“, „mein lieber Vater“ anreden. Gott erhebt uns Menschen zu einer erhabenen Größe und Würde.
Wir lesen das, wir wissen das; aber es erfüllt noch nicht unser Herz. Und so müssen wir immer wieder wie die Hirten den Weg zur Krippe gehen um die ganze Liebe Gottes zu erspüren und die Würde zu der er uns erhoben hat. Die Hirten, so heißt es „eilten“ nach Bethlehem. Wir hingegen lassen uns Zeit. Wir haben oft auch gar nicht das Bedürfnis zur Krippe zu kommen. Zu sehr sind wir bedrängt von all unseren Fragen und Nöten, zu sehr sind wir gebunden an die vielen Dinge, die uns unsere Welt bietet. Aber wir haben sie langsam und heimlich von Gott, der sie uns geschenkt hat, losgekoppelt. Wir verstehen die Sprache der Dinge nicht mehr, die allesamt von der Größe Gottes künden. Und so verlieren wir uns zu oft an sie und lieben die Geschöpfe losgelöst von Gott und sie sollten uns doch zu Gott und zur Liebe zu ihm verhelfen.
Die Hirten fanden drei Personen, Maria, Josef und das Kind in einer Krippe. Hatte sich ihre Eile wirklich gelohnt? Was hatten sie denn erwartet? Immerhin waren es nicht Menschen, die ihnen den Weg zur Krippe gewiesen hatten, sondern Engel. Somit war ihre Erwartung auf etwas Staunenswertes gerichtet. Und was sie fanden war die gleiche Armut, die auch sie in ihrem täglichen Leben kannten. Sie erzählten von ihrer himmlischen Erscheinung und alle staunten über den merkwürdigen Kontrast zwischen der erhabenen Botschaft der Engel und dem, was sie vorfanden. Sie machten staunend die Entdeckung, dass Gott genau dort einen Platz suchte, wo auch sie ihren Platz hatten, dass Gott genau in die Armut herniederstieg, in der sie auch ihr Leben zubrachten. Und sie entdeckten, dass Gott für sie kein weit Entfernter, Unnahbarer Gott sein wollte, sondern dass er ihre Nähe suchte.
Von Maria wird hier aber etwas Bemerkenswertes ausgesagt: sie bewahrte alles, was geschehen war und erwog es in ihrem Herzen. Offensichtlich war auch sie überrascht von dem Vorgehen Gottes, von der Art und Weise, wie er in diese Welt eintreten wollte. Sie hatte das Wirken Gottes in ihrem Herzen aufgenommen, sie hat sich ihm total gewidmet. Und wenn wir den weiteren Weg der Gottesmutter verfolgen, dann werden wir merken, dass es da Vieles gab, was ihren Glauben und ihr Vertrauen herausgefordert hat, was sie bewahren musste in ihrem Herzen.
Und was ist nun mit uns? Was können wir aus diesen Texten mitnehmen? Ich glauben, dass es wichtig ist, dass wir uns vor Augen halten, dass sich Gott auch von uns finden lässt, vorausgesetzt wir suchen ihn. Wir wissen alle, was „suchen“ bedeutet.
Wir müssen aber zu unserer Schande gestehen, dass wir es mit der „Suche nach Gott“ nicht sehr ernst genommen haben. Wir hätten Gott suchen sollen in den Ereignissen unseres Lebens. Es sind nicht immer die Sternstunden, in denen wir Gott entdecken. Es sind oft gerade die Stunden der Dunkelheit und des Schmerzes in denen uns Gott in besonderer Weise nahe ist, es sind oft die dunklen Farben, die unserem Leben den nötigen Kontrast geben, um die Spuren Gottes zu entdecken. Es gibt jedenfalls keine Situation in unserem Leben, wo Gott uns sozusagen entschwunden wäre. Es geht in unserem Glauben nicht in erster Linie darum einen Gebots- und Verbotskatalog einzuhalten, es geht auch nicht in erster Linie um das Kirchenrecht und die Dogmen des Glaubens, es geht in erster Linie um einen persönlichen Kontakt mit Gott. Und da sind wir eben oft nicht bereit, die nötigen Voraussetzungen zu erfüllen, vor allem die Stille zu pflegen, in der die leise und unaufdringliche Stimme Gotte vernehmbar wird.
Wenn wir die Art der Gottesmutter nachahmen, sind wir jedenfalls gut beraten. Wir müssen vieles in unserem Leben im Herzen bewahren, weil wir eben vieles, was geschieht nicht verstehen im großen Zusammenhang unseres Lebens, weil wir Vieles nicht zu deuten wissen wegen unserer engen Perspektive. Und so müssen wir so manches Unverstandene und Unbegreifliche ruhen lassen, in unserem Herzen speichern und darauf vertrauen, dass nichts in unserem Gott entgleitet, ja dass er sogar aus unseren Fehlern und Schwächen heraus, uns die Möglichkeit geben kann, ihn zu finden.
So mögen wir dieses Neue Jahr unter dem Schutz der Gottesmutter mit einer großen Zuversicht beginnen. Amen.
06.01.2012: Erscheinung des Herrn
Das griechische Wort „Epiphanie“, das dem heutigen Fest seinen Namen gibt, heißt „Erscheinung“. Schon damit wird jedem, der Gott sucht, etwas Wichtiges gesagt: Kein Mensch kann Gott unmittelbar erkennen. Wir können ihn immer nur als den erfahren, der in den verschiedensten Dingen dieser Welt in Erscheinung tritt. So ist es heute, so war es damals.
Ich denke an Edith Stein, die ungläubige, aber Gott suchende Philosophin, die als Karmelitin während der Naziherrschaft ums Leben kam. In den dunkelsten Tagen ihres Lebens war sie bei ihrer Freundin zu Besuch. Dort fiel ihr ein Buch in die Hand. Sie las darin die ganze Nacht. Als sie es am Morgen ausgelesen hatte, sagte sie: „Das ist die Wahrheit!“ Dieses Erlebnis wurde zur Sternstunde ihres Lebens und Ursache eines radikalen Neubeginns. In einem Buch also war ihr Gottes Wirklichkeit aufgegangen.
Dem jungen gottlosen Dichter Paul Claudel war Gottes lichtvolle Nähe in der Kathedrale von Paris während eines weihnachtlichen Gottesdienstes erschienen. Ein Knabenchor sang gerade das Magnifikat. Da geschah auf einmal etwas Unerwartetes, das für das ganze Leben des Dichters bestimmend sein sollte. Claudel bekennt: „In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte….Wie glücklich doch die Menschen sind, die einen Glauben haben! Wenn es wirklich wahr wäre? Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Es ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.“
Ignatius von Loyola ging der Stern Gottes auf dem Krankenbett auf. Augustinus wurde durch eine Kinderstimme zu ihm hingeführt. Sie alle erlebten, was auch die drei Weisen aus dem Morgenland zur Wende ihres Lebens brachte. Sie erfuhren das Aufleuchten von Gottes Liebe in etwas ganz Alltäglichem. Oft sind es Nebensächlichkeiten, die auf einmal voller Licht sind und die uns so zu einem Stern werden.
Vielleicht fragen sie an dieser Stelle, wann wir selbst einmal in dieser Weise Gottes Liebe und Nähe erfahren durften? Ein östlicher Mönch antwortet darauf: „Jeder Mensch kann am Abend Gott zumindest für drei Dinge danken.“ Überlegen wir, ob dies stimmt. So kann uns zum Bewusstsein kommen, wie oft Gott den Stern seiner Liebe auch uns in unscheinbaren Dingen und alltäglichen Ereignissen aufleuchten lässt.
Wenn man die Kapitelle der mittelalterlichen Kathedrale von Autun in Burgund betrachtet, entdeckt man dort eine wunderbare Darstellung der drei Könige. Man sieht sie friedlich ruhend unter einer großen decke beieinander kauernd. Ein Engel rüttelt sie auf und zeigt auf den Stern. Fast ist es, als ob man ihn sagen hörte: „Wacht auf, schaut, ein wunderbarer Stern ist aufgegangen. Macht euch auf den Weg, selbst wenn er beschwerlich sein wird und folgt dem Stern!“
Wer dem menschgewordenen Herrn Jesus Christus begegnen will, muss sich aufrütteln lassen, aufwachen, die Augen öffnen und sich aufmachen, um dem Leuchten des Sterns zu folgen. Wenn Gott sich zurückgezogen hätte und in seiner Herrlichkeit geblieben wäre, dann könnten wir heute nicht dieses fest feiern. Gott aber hat sich nicht gescheut, aufzubrechen und in die Dunkelheit der Welt hinabzusteigen und dadurch die Dunkelheit der Welt zu erhellen, wenn auch zunächst nur schwach und unscheinbar und von wenigen bemerkt. Es wäre eine Illusion, wenn wir glauben würden, wir Christen hätten einen anderen Weg zu gehen.
Immer wieder sucht Gott uns auf seine Weise zu begegnen, um uns auf den Weg zu Jesus zu bringen. Wir sehen es deutlich im Hinblick auf die drei Weisen. Wenn sie auch keine Könige waren, so waren es doch königliche Menschen. In Ungewissheit und Wagnis nahmen sie Abschied von ihrer kleinen und vertrauten Welt. Mutig und mit Gottvertrauen verließen sie ihr bisheriges Leben und machten sich auf einen mühsamen Weg ins Unbekannte. So erweisen sie sich als Menschen, die nicht in Vordergründigem die Sinnerfüllung ihres Lebens suche, in denen vielmehr die Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen lebt.
In dieser Sehnsucht gingen die drei Weisen ihren Weg. Nie gaben sie auf. Als der Stern sie verließ, als man ihnen in der Stadt mit Verständnislosigkeit, List und lüge begegnete, brachen sie das Begonnene nicht ab. Ruhig und besonnen verfolgten sie ihr Ziel. Und als sie es erreicht hatten, wurden sie nicht irre, als sich der von ihnen gesuchte König als ein einfaches Kind erwies, das nicht in einem Palast, sondern in einem Stall geboren worden war. Auf der Suche nach Gott fanden sie ihn im Antlitz dieses Kindes.
Weil sie einem Stern folgten, sind sie für uns zu einem Stern geworden, durch den uns aufgeht, was Glaube eigentlich bedeutet: „Sich herausrufen lassen aus seinen Sicherungen und Absicherungen; sich auf den Weg machen, den Gott uns durch seine Zeichen weist; nicht aufgeben, wenn dieser Weg ins Dunkel führt.“
Es ist verwunderlich: Obwohl diese Weisen von niemandem auf die Knie gezwungen werden konnten, knien sie sich vor diesem Kind nieder, um in ihm Gottes unergründliche Liebe anzubeten. Von „Anbetung“ ist heute nur noch selten die Rede. Was ist darunter zu verstehen? Teilhard de Chardin antwortet: „Anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermesslichkeit aufgehen, sich von Grund auf jenem schenken, der ohne Grund ist! Je mehr der Mensch Mensch wird, umso mehr wird er von de3m Bedürfnis gepackt, anzubeten.“ In ihrer Anbetung offenbaren die drei Weisen ihr königliches Herz.
Die Tatsache, dass sie auf einem anderen Weg nach Hause zurückkehrten, bringt unter anderem zum Ausdruck, dass sie durch die Anbetung Gottes in diesem Kind andere Menschen geworden waren; denn Menschen, die in Jesus Gott gefunden haben, machen immer eine radikale Wandlung durch. Sie lassen sich ihre Weisungen von oben, vom Himmel geben. Das ist das Geheimnis ihrer Menschlichkeit. Von solcher Menschlichkeit ist bei Herodes wenig zu finden. Er schaut nicht nach oben; er schaut auf sich selbst. Daher ist er zu allem fähig. Es ist uns ein Wort überliefert, das Herodes gesprochen haben soll und das uns zeigt, wer er wirklich war: „Wenn ich tot bin, wird keiner weinen, aber ich werde dafür sorgen, dass viele Tränen fließen.“ Im Gegensatz zu Herodes denken die Weisen nicht von sich, sondern von Gott her: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“
Offenheit, Einfachheit und Frömmigkeit, das sind die königlichen Tugenden der Weisen. Wo sie sich in uns entfalten, da werden wir unsererseits zu Weisen und zu einem Stern für manchen anderen. Als die Füße der drei Könige nach Bethlehem liefen, da ist ihr Herz zu Gott gepilgert. Machen wir uns auch auf den Weg und gehen wir in unserem alltäglichen Leben in Wort und Tat Zeugnis von der ungebrochenen Kraft der Liebe, der Versöhnung und des christlichen Glaubens, damit auch unsere Mitmenschen das Leuchten des Sterns am nächtlichen Himmel erkennen und der Kraft gelebter Liebe trauen können. Versuchen wir – bei all unserer Unzulänglichkeit – unsere christlichen Visionen in die Tat umzusetzen, um so mit unseren Herzen zu Gott zu pilgern. Amen.
08.01.2012: Fest der Taufe des Herrn, Mk 1,7-11
Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, das Fest der Geburt des Herrn. Es ist das jenes Fest, ohne das unser christlicher Glaube unverständlich bleibt: Gott hat in Christus unter uns gelebt. Er hat uns versprochen, unter uns zu bleiben bis zum Ende der Welt. Dieses „unter uns“ haben wir an der Krippe sehr realistisch und hautnah miterlebt. Da gab es gleich am Anfang die Nacktheit, die Heimat- und Hauslosigkeit, die Ungeborgenheiten und Unsicherheiten - Lebensumstände, die jedem Menschenschicksal so oder so beschieden sind.
Mit der Taufe im Jordan beginnt für Jesus ein neuer Lebensabschnitt: Vorher hat er unauffällig in Nazaret gelebt und gearbeitet; was die Evangelien über seine Geburt und Kindheit erzählen, das hat für die ersten dreißig Lebensjahre keine erkennbaren Folgen gehabt. Nach der Taufe beginnt Jesus öffentlich zu wirken.
Zunächst stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hielt sich ständig am Jordan auf, am Rand der Wüste, und predigte dort. Die Menschen gingen zu ihm hin, und er redete ihnen ins Gewissen. Wer sich seine Worte zu Herzen nahm und sein Leben ändern wollte, stieg hinab in den Jordan und ließ sich von ihm taufen, ließ sich untertauchen und gleichsam seine Schuld abwaschen.
Auch Jesus kommt, hört die Bußpredigt des Johannes und lässt sich taufen. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt, denn er war ohne Sünde. Trotzdem stellt er sich in eine Reihe mit den anderen und lässt sich genau so behandeln wie sie. Das berichten übereinstimmend alle Evangelien.
Ich denke an die zahllosen Fresken und Malereien in der Kunstgeschichte, die sich dieses Themas faszinierend annehmen. Da sieht man Jesus oft sehr hautnah ins Wasser des Flusses hinabsteigen. Seine Füße sind umspült von dem zum Teil ruhigen, zum Teil reißenden Fluten des Jordan. Viele Ikonen des Ostens zeigen auch dramatisch die Flußgötter, die die Füße Jesu berühren. Sie lassen nichts aus, um die in der Welt und im Menschenleben wirksamen Mächte und Gewalten darzustellen. Und die Stimme Gottes, die aus der Wolke heraus ertönt legt Zeugnis ab von Jesus, dem geliebten Sohn. Als Mensch ist er von Gott geliebt, mit allem, was das Menschsein ausmacht. In ihm lokalisiert und personalisiert sich die Liebe Gottes zur ganzen noch zu erlösenden Welt und Menschheit.
So sollten wir uns einmal fragen: Was ist der Mensch, den dieser Gott so sehr liebt?
Das eine kommt in der Stimme Gottes ganz klar zum Ausdruck: In diesem Bekenntnis zu seinem Sohn spricht Gott auch sein Ja zu uns, zu uns Menschen mit all unserem Möglichkeiten zum Guten wie auch zum Bösen. Das Ja des Gott-Vaters zu seinem Sohn ist auch ein Ja zu uns. Und da ist es sicherlich einmal gut und billig, über uns selbst ein wenig nachzudenken.
Da ist ein Mensch. Und dieser Mensch fängt eines Tages an, nachzudenken über sich selbst. Wer bin ich eigentlich? Wer steckt hinter den vielen Rollen, die ich Tag für Tag spiele als Sohn, als Freund, als Kollege, als Kunde, Ehepartner, als Vater und Mutter? Wer ist dieses seltsame Wesen, das nach außen so klar und sicher tut, und das innerlich doch voller Fragen und Problemen steckt?
Wer ist dieses seltsame Wesen aus Haut und Muskeln und Zellen, eines von vier Milliarden, die mir ähnlich sind, und von denen mich doch Welten der Einmaligkeit trennen? Nicht austauschbar, ein Original, keine Kopie vom Fließband. Einmalig bis in meine Fingerabdrücke! Wer ist dieses seltsame Wesen, dessen Körperzellen sich alle sieben Jahre rundum erneuert haben und das trotzdem „Ich“ bleibt? Einer, der seine Meinung ändert, um sich selbst treu zu bleiben, und der ein andermal stur bei seinen Prinzipien bleibt aus demselben Grund. Einer, der oft trotz seiner Erfolge nicht zufrieden ist mit sich selbst. Einer, der wie der biblische Jona am liebsten weglaufen möchte, wenn er nicht wüsste, dass mit einer bloßen Ortsveränderung seine Probleme nicht gelöst werden. Wir kommen, je mehr wir über uns nachdenken, darauf, dass wir uns selber kaum kennen. Wie ein Baum mit vielen unterirdischen Wurzeln sind wir. Wie ein Eisberg, von dem der weitaus größere Teil unter der Wasseroberfläche treibt. Wie ein Labyrinth sind wir, jener sagenhafte Irrgarten im alten Kreta, wo das Ungeheuer Minotaurus alle fraß, die den Rückweg nicht fanden. Die Sage erzählt, dass es nur einem gelang, zu entkommen aus dem Gewirr der Irrwege: Theseus, einem jungen Mann aus Athen. Ihm hatte seine Freundin Ariadne ein Wollknäuel mitgegeben. Solch einen roten Faden brauchten wir, um uns zurechtzufinden im Labyrinth unseres Lebens.
Vieles ist in uns vorgegeben, nicht zu ändern. Aber es gibt einen Spielraum der Freiheit zwischen den Zwängen. Irgendwo zwischen Erbanlagen und Erziehungseinflüssen, zwischen meinem Temperament und der Automatik des Vegetativen Nervensystems gibt es da etwas, das an mir liegt: den Raum meiner Verantwortlichkeit.
Es gibt Seiten an mir, die werden geschätzt und anerkannt: mein Geschmack, mein Wissen und Können vielleicht. Manches ist mir unverdient in den Schoß gefallen. Manches habe ich mühsam erkämpfen müssen. Das hat Anstrengung gekostet und schlaflose Nächte. Darauf kann ich mit Recht stolz sein.
Aber das Dunkel gibt es auch in mir. Die Schattenseiten. Meine Sturheit, meine Angst, die Launen, meine Trägheit und Feigheit. Das wurmt mich selbst, mehr, als ich zugebe. Tausendmal habe ich versucht, mich zu ändern und ich bin doch der alte geblieben. Bin immer wieder zurückgefallen in meine alten, alltäglichen Fehler.
Und dann gibt es da noch etwas, worüber ich mit niemandem spreche, und das doch auch zu mir gehört: Schuld, richtige Schuld. Nennen wir es ruhig auch Sünde, Jedenfalls etwas, das mich belastet. Ich denke nicht oft daran, aber ab und zu kommt es hoch, lässt sich einfach nicht verdrängen. Unbewältigte Vergangenheit. Meine Vergangenheit! Ein Teil von mir.
Den anderen gegenüber lasse ich mir nichts anmerken. Da spiele ich meine Rolle gekonnt. Da überspiele ich vieles. Die Tarnung nach außen ist nötig, sonst wäre ich zu verwundbar. Wo führte das hin, wenn ich „aus der Rolle fiele“, wenn ich jedem sagen würde, was ich von ihm denke, wenn ich mich immer so benehmen würde, wie mir gerade zumute ist, wenn jeder in meinem Inneren lesen könnte wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Ich brauche diesen Selbstschutz der Rolle, wie die mittelalterlichen Ritter ihre Rüstung und ihr Visier brauchten.
Und doch: irgendwann und irgendwo möchte ich alle diese Rollenzwänge und Masken ablegen können und einfach Mensch sein unter Menschen. So wie ich bin. Ohne die Angst, lächerlich zu wirken und nicht akzeptiert zu werden.
Manchmal habe ich das Gefühl, niemand zu haben, bei dem ich das könnte, der mich ganz versteht, dem ich alles sagen könnte, oder der auch ohne Worte weiß, was mit mir los ist. Schlimm, ein solches Gefühl, Theater spielen zu müssen, selbst da, wo ich zu Hause sein könnte und möchte.
Nur eines wäre noch schlimmer: Wenn ich mir selbst etwas vormachte, wenn ich meine eigene Rolle nicht mehr als solche durchschaute, wenn ich beim Blick in den Spiegel hinter all den Schminken und Tuschen mein eigenes, anderes, eigentliches Ich nicht mehr erkennte.
Die Leute, die vor Johannes am Jordan standen bekamen durch die Predigt des Täufers so eine Perspektive ihres Lebens aufgerissen. Sie erkannten, dass eine Umkehr fällig war und sie erkannten vor allem, dass eine Umkehr möglich war. Und durch die Stimme aus der Wolke hörten sie da Ja Gottes auch zu ihrem eigenen Leben heraus. Da hat jener Gott zum Menschen Ja gesagt, der uns durch und durch kennt, der uns in Liebe durchschaut, bei dem eine Maskierung keinen Sinn hat, weil sein liebender Blick alle Masken durchdringt. Und weil er uns hilft, Schicht für Schicht unsere Masken abzuleben, um Jesus ähnlich werden zu können. Vertrauen wir dieses Liebe Gottes unser Leben an, wie immer es auch sein mag, wie belastet es auch sein mag, weil er zu uns sein unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Amen.
14.01.2012: 2. Sonntag im Jahreskreis
Joh 1, 35-42
Wenn sie einmal überlegen, wie sie jene Menschen kennen gelernt haben, die heute zu ihren besten Freunden zählen, so ist jede dieser Geschichten interessant und irgendwie einmalig. Aber es zieht sich doch auch ein roter Faden durch all dieses Kennenlernen.
Kennenlernen kann durch bloßen Zufall geschehen. Z.B. es ist kein Tisch mehr frei im Restaurant, wohl aber ein Platz an einem teilweise besetzten Tisch. „Darf ich mich zu ihnen setzen?“ - „Bitte, nehmen sie Platz.“ - Man sollte es nicht für möglich halten, was aus einem so einfachen Dialog an Bekanntschaft und sogar Freundschaft entstehen kann.
Meistens aber - so kann ich wenigsten von mir sagen - habe ich meine Freunde auf eine andere Art und Weise kennen gelernt. Etwa so: Man wird jemand vorgestellt oder auf jemanden hingewiesen oder man lernt ihn kennen, weil man ihn einmal oder öfter bei anderen Freunden getroffen hat.
Das Kennen lernen der Jünger folgt wohl eher dieser zweiten Art. Sie gehören bereits zum Freundeskreis dieses Johannes, des Täufers vom Jordan. Und eben der stellt diese seine Freunde zwar nicht direkt vor, aber er weist sie auf Jesus hin.
Der erste Hinweis wird wohl ein direktes Zeigen mit dem Finger gewesen sein. „Seht!“ Der zweite Hinweise klingt dann so geheimnisvoll, dass die Jünger sicherlich aufgemerkt haben: „Das Lamm Gottes!“ An was haben sie wohl in diesem Augenblick gedacht?
An das Paschalamm, das beim Auszug aus Ägypten geschlachtet wurde? An Isaak und die Opferung des Widders auf dem Berge Moab? An den Sündenbock, den der Hohepriester einmal im Jahr - beladen mit den Sünden des Volkes - in die Wüste hinausgetrieben hat? Jedenfalls hat es die Jünger so fasziniert, dass es spontan zum nächsten Schritt gekommen ist, der für jedes Kennen lernen entscheidend ist.
Die Jünger tun diesen Schritt mit der harmlosen Frage: „Wo wohnst du?“ Diese Frage zielt tiefer als sie lautet. Eigentlich wollten sie wissen: Wer bist du überhaupt? Was tust du? Was willst du? Was willst und kannst du für uns sein? Bist du gar der, auf den unser Volk wartet? Und so in der Seele bewegt gehen sie mit ihm. Und einer von ihnen erinnert sich genau: Es war um die zehnte Stunde. Dass sich Johannes, der Evangelist noch in seinem hohen Alter als er das Evangelium schrieb genau an die Zeit erinnerte, da er Jesus kennen lernte und bei ihm weilte zeigt, welchen riefen Eindruck er von dieser ersten Begegnung empfangen hatte.
Wir würden gerne wissen, was sie damals gesprochen haben, welche Fragen sie an Jesus gestellt haben und was er ihnen zur Antwort gab. Wir wissen es nicht. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn was Jesus wollte und sprach das steht auf den weiteren Seiten des Johannesevangeliums für uns und alle späteren Generationen aufgeschrieben. Eines stand jedenfalls an diesem Abend bereits fest: Die Jünger waren von dieser ersten Begegnung so fasziniert, dass der Prozess des Kennenlernens weitergehen konnte.
Wie man wohl heute Jesus kennen lernt? Wer weist heute auf Jesus hin als auf den Retter, als auf einen der ein Programm bringt nach dem es sich zu leben lohnt? Früher geschah das in der Familie, wo noch gebetet wurde und wo man noch miteinander in der Bibel las und die Heiligen Geschichten weiter erzählte. Sicherlich kennt heutzutage jeder Jesus von Nazareth. Seine Botschaft kennen schon bedeutend weniger. Für so manche Menschen von heute ist er auch einer der vielen Gurus, die den Menschen Heil und Glück verheißen, für andere ist er der Superstar, den man in seinem Verhalten nicht begreift und ihn zurechtmodelt nach dem eigenen Geschmack. Für uns ist Jesus einer, der in seiner Kirche gegenwärtig ist. Aber wer weiß heute schon Bescheid über die Kirche? Wenn von Kirche die Rede ist, reagieren die Menschen sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von Aggressivität bis hin zur Gleichgültigkeit. Viele lieben auch die Kirche. Manche denken nur noch an das Kirchengebäude in der Mitte des Dorfes oder an hervorgehobenen Plätzen der Städte. Zumindest die Kirchengebäude gehören noch zum allgemeinen Bewusstsein. Was wären die vielen Reisen ohne die Besichtigung von Kirchen.
Aber genau in dieser Kirche ist Jesus, der Sohn Gottes gegenwärtig. In dieser Kirche, die eine lange Geschichte hinter sich hat, die nicht immer eine heilige Geschichte war, denn die Menschen in der Kirche haben ihre Erscheinung und ihr Bild immer wieder entstellt. Aber immer ist in Zeiten der Krise oder der Erstarrung in der Kirche der Ruf nach Reform laut geworden. Reform bedeutet aber nicht blindwütiges Experimentieren oder Einreißen von Strukturen. Reform bedeutet vielmehr Rückbesinnung. Reform meint, dass wir uns an den eigenen Ursprüngen orientieren und messen müssen.
Die Zeit Jesu war eine unruhige Zeit. Ein besetztes Land, viel Armut, übertriebene religiöse Forderungen. Und was sollte der Messias? Was erwartete man sich von ihm. Zunächst sicher etwas Politisches. Mit der Vorstellung des Messias war die Vorstellung eines irdischen Herrschers verbunden. Er sollte die Römer aus dem Land treiben, er sollte schließlich der König über Israel werden. Ich meine wohl, dass die Jünger Jesu auch von dieser Idee erfasst wurden und dass sie sich zunächst von ihrer Nachfolge auch eine persönliche Besserstellung erwarteten. Das zeigt unter anderem auch die Bitte der Mutter zweier Jünger, die an Jesus herantrat und zu ihm sagte: „Lass meine Söhne in deinem Reich zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen“. Das zeigt die Verwirrung der Jünger als Jesus von seinem Leiden sprach und das zeigt ihre Hilflosigkeit, nachdem Jesus gekreuzigt wurde.
Dieses Kennenlernen Jesu war ein langer und mitunter schmerzhafter Lernprozess.
Und uns ergeht es nicht anders. Es ist in unserem Glaubensleben nicht damit getan, dass wir im Allgemeinen ein göttliches Wesen anerkennen. Es ist auch nicht damit getan, dass wir uns die Erfahrungen des Volkes Gottes aus dem Alten Testament zu eigen machen, es ist auch nicht damit abgetan, dass wir die Botschaft Jesu in einigen Punkten bejahen, meist in solchen, die uns angenehm sind und die schmerzhaften und fordernden Dinge auslassen oder uminterpretieren bis sie nicht mehr wehtun.
Es geht auch bei uns um die Kernfrage: „Meister, wo wohnst du?“ Und wenn er dann auch zu uns sagt: „Komm und sieh!“, dann müssen wir mit ihm gehen und uns auf seine Botschaft voll und ganz einlassen. Wir müssen uns an der Hand nehmen und führen lassen, wir müssen lernen, wir dürfen auch dem Unverstandenen und Dunklen nicht aus dem Weg gehen.
Und so werden wir unsere eigenen und ganz persönlichen Erfahrungen mit Jesus und somit mit Gott machen. Jesus hat einmal dem Philippus geantwortet: „Wer mich sieht, der sieht auch den Vater“. Das heißt im Klartext: So wie ich zu euch bin, so ist Gott zu euch!
Und ich bin sicher, dass es bei unserer Suche nach Gott auch so eine Stunde gibt, die sich uns ganz tief einprägt, so dass wir sie noch nach vielen Jahren genau kennen. Amen.
15.01.2012: 2. Sonntag im Jahreskreis
1 Sam 3,3b-10.19
Joh 1, 35-42
Ich habe mir schon des öfteren Gedanken gemacht, wie eigentlich eine Berufung zustande kommt. Und auch von anderen Menschen wurde ich oft gefragt, wie man das wohl merkt, wenn man zu etwas berufen ist. Klar wurde mir folgendes: da gibt es keinen Blitz vom Himmel, da kommt auch nicht eigens ein Engel und da hört man auch keine Stimme vom Himmel. Berufung geschieht still, bescheiden und doch einladend. In unserer Zeit spricht man allerdings nicht mehr viel von einer Berufung. Das Wort „Job“ hat dem Wort „Beruf“ den rang abgelaufen. In meinem eigenen Leben war die Berufung kein Geistesblitz sondern ein langsames Gefallenfinden an der Lebensweise der Ordensleute, der Jesuiten, in deren Internat auf dem Freinberg ich acht Jahre lang die Schule besuchte. Und ich bin dahintergekommen, dass Gottes Stimme sich hinter den Dingen des Alltags verbirgt, dass Gottes Stimme und Gottes Ruf sich klärt im Gespräch mit verständigen Menschen.
So stellt sich jedem, der sein Leben nach Gott ausrichten will die Frage: Wie und wo kann ich Gott hören? Am liebsten wäre es uns natürlich, Gott würde so menschlich direkt über Mund und Ohr sprechen, wie er bekanntlich im dem Film „Don Camillo“ mit seinem Pfarrer redet.
Die Samuelgeschichte, die wir in der Lesung gehört haben aber zeigt uns: Das Problem ist weniger, dass Gott nicht sprechen würde. Das Problem ist vielmehr, ob wir seine Botschaft heraushören aus den Stimmen der täglichen Umgebung, und ob wie die Konsequenzen daraus ziehen. Und so meint Samuel, dass Eli zu ihm spricht und er erkennt die Stimme Gottes nicht gleich. Er sprang auf und wollte bereit sein, aber wozu? Erst der Rat des erfahrenen Eli half ihm die Stimme des Anrufers zu erkennen und sich für Gottes Auftrag zur Verfügung zu stellen.
Gibt es auch in unserem Leben eine Rufgeschichte? Wenn wir in unsere Vergangenheit zurückschauen, erkennen wir vielleicht, dass auch wir angerufen worden sind: durch ein äußeres Ereignis, das unsere Pläne umgeworfen hat, oder ganz leise und von aussen kaum wahrnehmbar, durch ein Wort in einem Gespräch oder den Blick in die Augen eines Menschen, die plötzlich zur inneren Gewißheit führten: „Ich bin gemeint“.
Wie erkenne ich ob Gott mich ruft? Bin ich überhaupt willens, mich rufen zu lassen? Oder halte ich mir die Ohren zu? Viele Fragen – und dennoch sollten wir ruhig und gelassen bleiben. Samuel wurde angewiesen, sich wieder schlafen zu legen und zu warten. Wenn es Gottes Stimme war, würde sie noch einmal rufen. Und tatsächlich rief ihn Gott ein drittes Mal. Sammel stand schnell auf und antwortete, was Eli ihm geraten hatte: „Rede Herr, dein Diener hört.“
Gott nimmt Samuels ganzes Leben in Beschlag, und Samuel versagt sich ihm nicht. Er wird später Elis Platz einnehmen, er wird die letzte und größte Richtergestalt in Israel. Er ist es, der zuerst Saul und dann den jungen David zum König salben wird.
Samuel wird von Gott bei seinem Namen angerufen: Aber Gott zwingt ihn nicht, er gibt ihm die Chance, auf diesen persönlichen Anruf zu antworten. Gott erwartet zuerst nicht eine bestimmte Leistung, er will die Zustimmung des Menschen. Und dann wächst er langsam in seine Berufung hinein und erkennt, was Gott von ihm haben will.
Mit der Berufung der Jünger war es nicht anders. Johannes weist seine Jünger auf Jesus hin und bezeichnet ihn als das „Lamm Gottes“. Und zwei seiner Jünger gehen Jesus einfach nach. Sie getrauen sich nicht, ihn anzusprechen, ihn zu fragen. Erst als sich Jesus umwendet und sie fragt, was sie wollen, da geben sie aus ihrer Verlegenheit heraus die Antwort: „Rabbi, wo wohnst du?“ Das bedeutet, sie wollen ihn dort aufsuchen wo er daheim ist. Die Wohnung bedeutet den Intimbereich eines Menschen. Man lädt nicht jeden in seine Wohnung ein. Wohnung ist der Bereich, wo man zu Hause ist. Und somit sind diese ersten Jünger in ihrer Frage eigentlich doch sehr direkt. Sie wollen nicht ein billiges Geplauder mit Jesus, sondern sie wollen dort hin, wo er daheim ist. Interessant wäre es, wenn Johannes doch ein wenig erzählt hätte, was sie dort erlebten. Aber darüber schweigt er sich aus. Aber aus dem folgenden Satz können wir erahnen, welchen Eindruck die „Wohnung“ Jesu und das Verweilen ihn ihr in seiner Gegenwart auf ihn gemacht hatten. Den ganzen Tag blieben sie bei ihm. Und Johannes erinnert sich noch in seinem hohen Alter, als er sein Evangelium schrieb, genau an die Stunde, wo das die Begegnung mit Jesus geschehen war: Es war um die zehnte Stunde, also etwa um vier Uhr nachmittag.
Die Begegnung mit Jesus bringt sie in Bewegung, obwohl sie nur einen Tag bei ihm blieben. Denn Andreas, der Bruder des Simon Petrus, geht zu seinem Bruder und bekennt: „Wir haben den Messias gefunden.“ Andreas war es, der seinen Bruder zu Jesus führte. Da müssen wir uns aber doch auch überlegen, ob wir nicht auch solche hinführende Menschen zu Jesus sein könnten. Nein, wir brauchen uns nicht an die Straßenecke zu stellen und die Menschen ansprechen. Das Hinführen zu Jesus geschieht durch unser Leben, durch unser sympathisch gelebtes Christentum, durch eine Lebensweise in Einfachheit, Freude und Natürlichkeit in der hin und wieder bei passender Gelegenheit auch das richtige ansprechende Wort nicht fehlen darf.
Wir leben in einer sonderbaren Zeit: Wir haben viele Kontakte aber wenig Begegnungen. Internet und Handy schaffen Verbindungen rund um den Globus. Überall sind wir erreichbar, über all kann ich mich in kürzester Zeit hinbewegen, leicht und fast mühelos. Und gerade in unserer Zeit der großen Kommunikationsmöglichkeiten werden Begegnungen, echte Begegnungen immer seltener.
Wenn es uns gelänge, nicht bloß die Berufung Gottes abzuwarten, sondern das berufende Wort auch zu suchen, in einer Erwartungshaltung zu sein, die damit rechnet, dass Gott mich irgendwann in meinem Leben besonders anspricht. Dann wäre das geradezu ideal. Denn Gott sucht mich, er sucht den Kontakt mit mir.
Aber wo? Ganz einfach: Im Tätigsein, im Denken, im Überlegen, im Reden und Gestalten. Gott sucht den Menschen. Selbst unter Kochtöpfen sagt die Heilige Teresa von Avila bist Du zu finden. Gott sucht uns auf den Strassen unserer Stadt, in Behörden, in Wartezimmern, in Kaufhäusern, im Menschengewühl, er sucht uns in den Nachrichten am Abend, in Bildern und Worten, im Geschehen der Zeit. Er sucht uns in den Nachrichten der Zeitung, in Büchern, in der Begegnung, im Gespräch, im Gebet.
Gottes leise Stimme sagt: Laß dich finden. Ich bin überall.
Amen.