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Interview mit Daniel Ortega, Generalsekretär der FSLN,
zum 25. Jahrestag der sandinistischen Revolution (19. Juli)
Was ist heute von der Sandinistischen Revolution geblieben?
D.O.: Ein Sinn staatsbürgerlicher Würde. Im Laufe der
Geschichte Nicaraguas gab es Momente der Würde auf Seiten einer
Minderheit mit einer starken patriotischen Ausrichtung. Sandino zum
Beispiel. Die Revolution hat jedoch diesen Wert allen eingeimpft. Ich
sage bewusst: allen, sowohl den Sandinisten als auch den
Antisandinisten, denn bis 1979 hatten wir hier eine Bevölkerung mit 69 %
Analphabeten. Wir haben ein Volk ohne Erziehung, ein Volk von Sklaven
geerbt.
Glauben Sie, dass die größte Errungenschaft der Revolution
die Alphabetisierung war?
D.O.: So ist es. Niemand wurde diskriminiert. Ich
erwähne das, denn das ist ein unantastbares Element, und es ist viel
wichtiger als das ganze Land, das die Revolution den Campesinos gegeben
hat.
Wenn Sie sich an die damaligen Erwartungen erinnern,
empfinden Sie dann keine Frustration bei dem Gedanken daran, wo das
alles geendet hat?
D.O.: Nein, ich verspüre keine Frustration. Es ist wohl
wahr, dass langsam die frühere Ordnung wiederhergestellt wurde, doch ich
denke auch, dass dank der Revolution der Kampfesgeist in Nicaragua
weiterlebt.
Würden Sie sagen, dass die letzten Regierungen der liberalen
PLC eine Rückkehr zum Somozismus verfolgt haben?
D.O.: Ja, dasselbe Modell, aber ohne Somoza.
Und im Bereich der Menschenrechte?
D.O.: Sie können sich heute politisch betätigen, ohne
im Gefängnis zu landen, wo Sie ja zur Zeit des Somozismus sieben Jahre
verbracht haben.
Sie sind gleich wie Somoza. Der politisch Verfolgte ist ja nur einer von
vielen, dessen Menschenrechte verletzt werden. Aber die sozialen Rechte
sind grundlegend. Und hier gibt es keine Rechte, es gibt keine
Medikamente. Das ist ein Verbrechen, eine Verletzung der Menschenrechte.
Es gäbe genügend Geld. 1,6 Milliarden Cordobas wurden unterschlagen (83
Mio Euros), das hat der gegenwärtige Präsident, Enrique Bolanos, selbst
gesagt, und er war Vizepräsident von Arnoldo Alemán. Wie viele Leben
hätten mit diesem Geld gerettet werden können!
Sind die Ziele der lateinamerikanischen Linken dieselben wie
immer?
D.O.: Ja, die Ziele sind dieselben: die Verteidigung
der Souveränität unserer Länder, die nicht existiert; unser Traum, dass
Lateinamerika eine einzige Nation sei; unser Kampf, dass die großen
Mächte uns respektieren und dass wir wirklich gerechte, partizipative
Gesellschaften mit voller Demokratie haben. Es sind immer noch dieselben
Ideale wie von Sandino oder vom Che. Nur dass wir jetzt statt
Guerilla-Verbänden Truppen des sozialen Kampfes haben, die Campesinos,
die Indios, die Schwarzen, die Arbeiter, die Arbeitslosen, d.h. wir
haben eine richtige soziale Masse. Es wurden Wahlsiege erreicht, wie in
Venezuela, was meiner Meinung nach der eindrucksvollste Wahlerfolg der
Linken seit den Revolutionen in Kuba und Nicaragua war. Und der Triumph
der Arbeiterpartei in Brasilien.
Inwiefern haben Sie sich verändert in diesen 25 Jahren?
D.O.: Ich bin noch immer derselbe.
(aus: El País, Übersetzung Werner Hörtner, gekürzt)
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