Globalisierung
 
Ein Tag im Leben der Straßenkinder
 
Zur Kaffeekrise
Rede von Daniel Ortega

 

Ein Tag im Leben der Straßenkinder


Ein Tag im Leben der Uanda Wete

Uanda Wete’s Arbeitstag beginnt morgens um sechs. Dann schleppt die Zehnjährige zusammen mit ihrer Chefin Körbe voll Bananen und Salat zum klapprigen Marktstand. Nebenan fahren schon die ersten Überlandbusse laut hupend los: Kinder, Frauen und Männer drängen noch schnell hinein, um den Reisenden Eiswasser, Kekse, Tortillas und Uhren anzubieten…

Bevor Uanda um zwölf Uhr zur Schule geht – wie an vielen Orten Nicaraguas gibt es für arbeitende Kinder Nachmittagsunterricht -, guckt sie im „Club infantil“ vorbei, wo sie immer ein paar andere Kinder vom Markt und mindestens einen Erwachsenen antrifft. Wer Lust hat, kann mit ihm Buchstaben- und Rechenspiele spielen - oder einfach nur Quatsch machen. Morgens, wenn es auf dem Markt ruhiger ist und das Geschäft sowieso schleppend läuft, findet auch ein Lese- und Schreibkurs statt.

Seit einem Jahr besucht Uanda eine richtige Schule im Zentrum der Stadt. Die Mitarbeiter vom Club infantil haben durchgesetzt, dass sie weder die zehn Cordobas Schulgeld zahlen muss noch Extragebühren für Prüfungen, Kopien und das Wasser für die Klospülung. „Ich möchte später mal Lehrerin werden“, sagt Uanda. Ihre Mutter ist Analphabetin…

Eine der Sprecherinnen der Kinder vom Club infantil ist die dreizehnjährige Kenia Chavarrita, die Privathaushalte mit Wasserkanistern beliefert. Das dünne Mädchen mit dem ernsten Gesicht könnte von ihrer Statur her glatt als Acht- oder Neunjährige durchgehen. Viele der arbeitenden Kinder auf dem Markt von Jinotega sind unterernährt; die Untersuchung hat ergeben, dass die meisten von ihnen nur zu Hause vor und nach der Arbeit etwas essen – obwohl mehr als die Hälfte von ihnen sieben Stunden auf dem Markt unterwegs sind.

Kenia Chavarrita war schon mit einer Delegation auf nicaraguaweiten Treffen in Managua, um dort die Interessen der arbeitenden Kinder zu diskutieren. „Für mich am wichtigsten“, erklärt sie mit monotoner Stimme, „ist die Forderung nach kostenloser Schulbildung für alle.“ Eine Position, die auch viele Mädchen und Jungen außerhalb der Hilfsprojekte äußern.

Die tägliche Lebenserfahrung der Kinder in Nicaragua bestätigt die Einschätzung der IAO (Internationale Arbeitsorganisation): „So wie Kinderarbeit unauflösbar mit Armut verbunden ist, so ist ihre wirksame Beseitigung unauflösbar an Bildung verbunden.“ In dieser Beziehung hat es in Nicaragua in den vergangenen Jahren allerdings sehr viele Rückschritte gegeben. Experten schätzen, dass das nach der sandinistischen Revolution Anfang der Achtzigerjahre fast vollständig analphabetisierte Land inzwischen wieder bei 35 Prozent Lese- und Schreibunkundigen angekommen ist; selbst der offizielle Wert der Regierung liegt bei 21 Prozent.

(A. Jensen: Nach der Utopie. taz 04./05.10.2003)

  zurück zum Seitenanfang          zurück zur Nicaraguaseite    Die andere Globalisierung

Zur Kaffeekrise


Die Kaffeekrise in Nicaragua oder warum sie so arm sind…

Gemäss Oxfam* verarmen heute in 45 Ländern Dutzende Millionen Kaffeebauern samt ihren Familien. Eine goldene Nase verdienen sich derweil Zwischenhändler, Börsenspekulanten und insbesondere die vier führenden Konzerne Nestlé, Sara Lee, Kraft und Procter Gamble, die fast die Hälfte der Welt-Kaffeeernte aufkaufen und mithin den Kaffeemarkt dominieren. Der Anteil der armen Produzentenländer am Gesamtwerk des Welt-Kaffeemarktes (immerhin rund 55 Milliarden Euro) schrumpfte in nur 10 Jahren von 30% auf 10%... Die durchschnittlichen Ladenpreise in den reichen Ländern übersteigen die Produzentenpreise um eindrückliche 1500%! Schwer kritisiert Oxfam auch Weltbank und IWF (Weltwährungsfonds), weil diese angesichts übersättigter Märkte Unsummen in neue Kaffee-Pflanzungen in Ländern wie Vietnam investierten. Der „Erfolg“ ist beängstigend: in nur 10 Jahren rückte das asiatische Land von ganz unten zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten weltweit auf – und die Preise sackten (plangemäß?) ins Bodenlose ab. Ein Funktionär des Kaffee-Institutes von Costa Rica meinte sarkastisch: „Wahrscheinlich haben die Ökonomen der Weltbank die Vorlesung über die Gesetze von Anfrage und Angebot geschwänzt…“.

Selbst wo Kaffe nicht zu den wichtigsten Export-Artikeln zählt, ist er von größter sozialer Bedeutung. Kaum ein Produkt gibt so vielen und oft sehr kinderreichen Familien Verdienst wie eben das aromatische Weck-Getränk. Allein in Zentralamerika sind heute über eine halbe Millionen Menschen von Hunger bedroht – nicht zuletzt wegen der Kaffee-Krise…


„Zum Beispiel Kaffee“: Lamuv Taschenbuch.
www.oxfaminternational.org
 

  zurück zum Seitenanfang          zurück zur Nicaraguaseite    Die andere Globalisierung

Rede von Daniel Ortega


Interview mit Daniel Ortega, Generalsekretär der FSLN, zum 25. Jahrestag der sandinistischen Revolution (19. Juli)

Was ist heute von der Sandinistischen Revolution geblieben?
D.O.: Ein Sinn staatsbürgerlicher Würde. Im Laufe der Geschichte Nicaraguas gab es Momente der Würde auf Seiten einer Minderheit mit einer starken patriotischen Ausrichtung. Sandino zum Beispiel. Die Revolution hat jedoch diesen Wert allen eingeimpft. Ich sage bewusst: allen, sowohl den Sandinisten als auch den Antisandinisten, denn bis 1979 hatten wir hier eine Bevölkerung mit 69 % Analphabeten. Wir haben ein Volk ohne Erziehung, ein Volk von Sklaven geerbt.

Glauben Sie, dass die größte Errungenschaft der Revolution die Alphabetisierung war?
D.O.: So ist es. Niemand wurde diskriminiert. Ich erwähne das, denn das ist ein unantastbares Element, und es ist viel wichtiger als das ganze Land, das die Revolution den Campesinos gegeben hat.

Wenn Sie sich an die damaligen Erwartungen erinnern, empfinden Sie dann keine Frustration bei dem Gedanken daran, wo das alles geendet hat?
D.O.: Nein, ich verspüre keine Frustration. Es ist wohl wahr, dass langsam die frühere Ordnung wiederhergestellt wurde, doch ich denke auch, dass dank der Revolution der Kampfesgeist in Nicaragua weiterlebt.

Würden Sie sagen, dass die letzten Regierungen der liberalen PLC eine Rückkehr zum Somozismus verfolgt haben?
D.O.: Ja, dasselbe Modell, aber ohne Somoza.

Und im Bereich der Menschenrechte?
D.O.: Sie können sich heute politisch betätigen, ohne im Gefängnis zu landen, wo Sie ja zur Zeit des Somozismus sieben Jahre verbracht haben.
Sie sind gleich wie Somoza. Der politisch Verfolgte ist ja nur einer von vielen, dessen Menschenrechte verletzt werden. Aber die sozialen Rechte sind grundlegend. Und hier gibt es keine Rechte, es gibt keine Medikamente. Das ist ein Verbrechen, eine Verletzung der Menschenrechte. Es gäbe genügend Geld. 1,6 Milliarden Cordobas wurden unterschlagen (83 Mio Euros), das hat der gegenwärtige Präsident, Enrique Bolanos, selbst gesagt, und er war Vizepräsident von Arnoldo Alemán. Wie viele Leben hätten mit diesem Geld gerettet werden können!

Sind die Ziele der lateinamerikanischen Linken dieselben wie immer?
D.O.: Ja, die Ziele sind dieselben: die Verteidigung der Souveränität unserer Länder, die nicht existiert; unser Traum, dass Lateinamerika eine einzige Nation sei; unser Kampf, dass die großen Mächte uns respektieren und dass wir wirklich gerechte, partizipative Gesellschaften mit voller Demokratie haben. Es sind immer noch dieselben Ideale wie von Sandino oder vom Che. Nur dass wir jetzt statt Guerilla-Verbänden Truppen des sozialen Kampfes haben, die Campesinos, die Indios, die Schwarzen, die Arbeiter, die Arbeitslosen, d.h. wir haben eine richtige soziale Masse. Es wurden Wahlsiege erreicht, wie in Venezuela, was meiner Meinung nach der eindrucksvollste Wahlerfolg der Linken seit den Revolutionen in Kuba und Nicaragua war. Und der Triumph der Arbeiterpartei in Brasilien.

Inwiefern haben Sie sich verändert in diesen 25 Jahren?
D.O.: Ich bin noch immer derselbe.

(aus: El País, Übersetzung Werner Hörtner, gekürzt)
 

  zurück zum Seitenanfang          zurück zur Nicaraguaseite    Die andere Globalisierung