Angesichts dieser Fakten (dieser 'himmelschreienden Ungerechtigkeit', würde die Bibel sagen) bietet das Buch von Leonardo Boff Unser Haus, die Erde: den Schrei der Unterdrückten hören tiefgehende Analysen und interessante Hintergründe für die notwendige Kritik an der reinen Marktorientierung des Neoliberalismus, aber auch Motivation und Ermutigung zum Widerstand und zur Solidarität im Sinn eines Franz von Assisi und der Befreiungstheologie.
L. Boff kommt darin zum Schluss: "Die Logik, welche ganze Klassen ausbeutet und ganze Völker den Interessen einiger weniger reicher und mächtiger Länder unterwirft, ist
dieselbe, welche die Erde verwüstet und ihre Reichtümer plündert, ohne Rücksicht auf den Rest der Menschheit und auf kommende Generationen."
Boff, Leonardo: Unser Haus, die Erde: den Schrei der Unterdrückten hören. Düsseldorf: Patmos, 1996.Jüngere Untersuchungen belegen, dass die heute weltweit aufeinander eingespielte Akkumulation alle zwei Tage dieselbe Zahl an Menschenopfern fordert wie Hiroshima und Nagasaki zusammen. Der Fortschritt ist immens, aber zutiefst unmenschlich. Im Mittelpunkt stehen weder die Menschen noch die Völker mit ihren Bedürfnissen und Wünschen, sondern Ware und Markt, denen sich alles unterzuordnen hat.
Die Geschöpfe, die in diesem Zusammenhang am meisten bedroht sind, sind nicht die Wale, sondern die Armen, die zum vorzeitigen Tod verdammt sind. Statistiken der UNO weisen aus, dass in der Welt fünfzehn Millionen Kinder an Hunger und Hungerkrankheiten sterben, ehe sie fünf Tage alt werden; 150 Millionen sind unterernährt, und 800 Millionen Menschen hungern ständig.
Diese menschliche Katastrophe ist nun der Ort, an dem die Theologie der Befreiung einsetzt, wenn sie sich mit der ökologischen Frage konfrontiert sieht. Mit anderen Worten: Sie setzt bei der sozialen Ökologie ein - bei der Frage, wie die Menschen, die komplexesten Geschöpfe, zueinander in Bezug stehen und wie sie ihr Verhältnis auch zu den übrigen Wesen der Natur gestaltet sehen wollen. Konkret läuft alles nach den Regeln erbarmungsloser Ausbeutung und brutaler Ausgrenzung. Der Schrei der Unterdrückten und Ausgeschlossenen ist unüberhörbar. Worauf es also an erster Stelle ankommt, ist ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit, die allen Leben und Würde garantiert. Wenn dann diese elementarsten Grundvoraussetzungen an sozialer Gerechtigkeit (die gesellschaftlichen Verhältnisse unter den Menschen) erreicht sind, kann auch eine mögliche ökologische Gerechtigkeit (Verhältnis der Menschen zur Natur) angestrebt werden. Diese ist mehr als soziale Gerechtigkeit. Ökologische Gerechtigkeit meint ein neues Bündnis der Menschen zu allen anderen Wesen, eine neue Höflichkeit gegenüber allem Geschaffenen, eine neue Ethik, ja Mystik der Geschwisterlichkeit gegenüber der gesamten kosmischen Gemeinschaft. Auch die Erde schreit, verwundet durch die todbringende Maschinerie unseres Gesellschafts- und Entwicklungsmodells. Sich im Rahmen eines Gesamtkonzeptes auf den einen und den anderen Schrei einlassen, weil ja die Ursachen und Wurzeln dieselben sind, das ist das Werk ganzheitlicher Befreiung. (p. 180 f.)