Einfach zum Nachdenken

Der vergessene Heilige Geist

Die Erzählung vom Pfingstereignis mit Brausen und Feuerflammen und erstaunlichen Wirkungen bei den Jüngern und den damaligen Hörern ihrer Worte stellt sich allzu leicht vor die Wahrnehmung der eigenen Geisterfahrung. Dieses große Bild des Pfingstereignisses weckt die Erwartung, dass die WIrkung des Heiligen Geistes sich immer in diesen großen Dimensionen abspielen müste. Da wir diese Form von Großereignis in unserem eigenen Umfeld nirgendwo vorfinden beziehungsweise von niemandem erzählt bekommen, bleibt der Heilige Geist als Thema gerne ausgeklammert und in die Anfangszeit der Kirche verbannt.

Letztlich verbirgt sich dahinter ein Thema, das uns ein wenig unsicher macht: Die Wirkung Gottes ist erfahrbar; aber nicht berechenbar.
Auch wenn ich zum Beispiel einen Menschen gut kenne, bleibt er irgendwie unberechenbar und birgt Überraschungen in sich - und das ist gut so. Wir sind keine Maschinen. Wie sollte es da mit Gott anders sein ?

Der Apostel Paulus weist immer wieder darauf hin, dass wir durch die Taufe in eine Beziehung mit Gott hineingenommen worden sind, die in der Tiefe der Seele etwas verändert hat: Gott hat sich ausdrücklich mit uns verbunden, und die Qualität dieser Verbindung steigt in manchen unberechenbaren Momenten des Gebets aus unserer Tiefe empor. In einem Bild gesprochen: Manchmal "glüht" da etwas im Inneren auf, das man nur schwer in Worte fassen kann. Ich spüre in diesem Moment den Kontakt mit IHM, und dies geschieht zumeist wortlos. Diese Erfahrung ist ein Geschenk des Heiligen Geistes - also eine stille Geisterfahrung.

Nach oben

Ein Seufzen nach Gott

Paulus spricht im Römerbrief (8,22-27) davon, dass wir als "Erstlingsgabe den Geist"haben, und gleichzeitig"seufzen in unserem Herzen" und auch nicht wissen, "worum wir in rechter Weise beten sollen." Aber wir bekommen eine Unterstützung, denn "der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können".
Man kann daher sagen: Die kürzeste und dichteste Form des Gebets ist ein Seufzen, das durch das Glühen im Inneren eine Richtung bekommt, die sich zu Gott hin ausstreckt. Und bereits darin ist Gott am Werk! Durch den Heiligen Geist!

Ich bin überzeugt davon, dass viele diese GebetserfalIrung machen; es ist ihnen aber nicht bewusst, dass sie damit das unberechenbare Wirken des Heiligen Geistes erfahren - unberechenbar insofern, dass nicht jedes Gebet der eigenen Tiefe entspringt.

Das ist genauso, wie nicht jede Begegnung mit einem vertrauten Menschen eine tiefe Begegnung ist, sondern von viel Alltag umrahmt ist. Aber manchmal glüht durch einen Blick, eine Geste, eine Berührung die Qualität dieser Beziehung auf - oft unbemerkt.

Wer einmal bewusst das Geschenk des "Aufglühens aus der Tiefe" wahrgenommen hat, sei es im Gebet oder im Umgang mit Menschen, spürt das göttliche und menschliche Kraftfeld, in das er eingebunden ist. Das ist auch der Grund dafür, dass der Geist in einem weiteren Aspekt seines unberechenbaren Wirkens Menschen zusammenführt und sie gemeinsam auf Gott hin ausrichtet. Der Heilige Geist ist somit auch der Geburtshelfer der Kirche - also all derer, deren Gebet im Seufzen eine Richtungauf Gotthin bekommen hat.

Und wer die Kirche kennt, erfährt auch, dass sie keine Gemeinschaft von Engeln ist, sondern von Menschen, die sich immer wieder aneinander reiben und Konflikte haben (Der Leser wird nun seufzen).

Aber es gehört zum Wirken des Heiligen Geistes, dennoch immer wieder die Kraft zum Gemeinsamen zu finden.Wenn wir im Epheserbrief (4,2t) lesen: "... ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren", so ist das ein Aufruf an alle Geistbeschenkten, auch aus dieser Erfahrung zu leben und auf den anderen zuzugehen, bei dem wir annehmen dürfen, dass ebenfalls der Geist Gottes in der Tiefe wirkt. Dadurch wird das göttliche "Beziehungskraftfeld ", durch alle Konflikte hindurch, in unserem Tun "mitschwingen".

Und damit wird die eigene, stille Geisterfahrung "lauter" in der Welt vernehmbar - und das ermöglicht wiederum, den Bogen zur Erzählung des Pfingst-ereignisses zu schlagen -, auch wenn dies heute nicht von Brausen und Feuerzungen begleitet ist. Pfingsten gehört somit in gewisser Weise zum Alltag der Kirche, der manchmal durch kleine, nicht berechenbare Pfingst-Geist-Ereignisse gekrönt wird. Aber das sind weitere Geschichten, die hier nicht mehr Platz finden, von denen aber im miteinander, für einen auf das Wirken des Geistes aufmerksamen Leser, immer wieder die Rede ist.

Ewald Huscava
Dr. Ewald Huscava ist Domprediger bei St. StephanlWien, Lehrbeauftragter für Predigtausbildung an der Universität Wien und an der Päpstlichen Hochschule Heiligenkreuz sowie im Bereich der Personalentwicklung der ED Wien tätig.

Nach oben