Neue Bücher - Nov.09
Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus
Dieser 1946 entstandene Text besteht aus Aufzeichnungen über einen freiwilligen Aufenthalt in einer Irrenanstalt. 55 Jahre nach seiner Niederschrift ist er veröffentlicht worden. Die Autorin, die sich nachweislich mit 20 Jahren freiwillig nach einem Selbstmordversuch einer Arsenkur in der Klagenfurter Landesirrenanstalt unterzogen hatte, wollte keine Veröffentlichung.
In ihren Aufzeichnungen beschreibt die Ich-Erzählerin deutlich, gleichzeitig mit den Mitteln der poetischen Sprache ihre präzisen Beobachtungen an sich selbst, den Patientinnen, am Personal und an den Besuchern.
Kurzbeschreibung:Bereits beim Ankommen wird eines klar: Die Frau, die einen missglückten Selbstmordversuch hinter sich hat, die Trost sucht und erschöpft ist, findet hier alles andere als Ruhe. Sie muss kämpfen. Als Dritte-Klasse-Patientin muss sie sich gegen die besser situierten Damen behaupten, als eine, die noch keine drei Suizide hinter sich hat, muss sie sich ihre Berechtigung für diesen Ort erst erwerben. Und die Tatsache, dass sie – aus armen Verhältnissen kommend – schreibt und vorgeblich nicht aus einer unglücklichen Liebe hier ist, macht ihr das Leben bei den Schwestern und Patientinnen auch nicht leichter. Solange sie noch mit „Sie“ und „Fräulein“ angesprochen wird, hat sie eine gefährliche Grenze noch nicht überschritten. Folglich scheint ihr ganzes Streben am Anfang dahin zu gehen, als Gast und nicht Dazugehöriger der Irrenanstalt zu gelten. Sie ist sich jedoch immer bewusst, dass es sich um eine permanente Gratwanderung handelt: zwischen dem „Wohltun“ der Schwestern und ihrem Hass, zwischen dem Wunsch, wirklich verrückt zu sein und dem „Davon-Träumen“ und „Damit-Spielen“. Ein Grund für ihr Leiden, aber eben nur einer wird am Ende noch preisgegeben – die unerfüllte Liebe zu einem Arzt.
Autorenporträt:Christine Lavant wurde 1915 als neuntes Kind einer Bergarbeiterfamilie im Kärntner Lavanttal geboren. Sie lebte auffallend zurückgezogen; korrespondierte aber mit Dichtern wie Thomas Bernhard, Paul Celan u.a. Sie schrieb Lyrik und Prosa und erhielt zahlreiche Auszeichnungen: zweimal den Georg-Trakl-Preis für Lyrik und den Großen Staatspreis für Literatur. Christine Lavant starb 1973.
Ich ging durchs Feuer und brannte nicht
Eine außergewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte von Edith Hahn Beer (Autor)
Kurzbeschreibung:Sie ist jung, lebenslustig und eine glänzende Jurastudentin. Aber ihr Examen kann die Wiener Jüdin Edith Hahn nach dem »Anschluss« Österreichs nicht mehr machen. Edith taucht unter, es beginnt, was sie selbst als ihr »Leben als U-Boot« bezeichnet. Pepi, der Geliebte, als Halbjude zunächst weniger gefährdet, kann oder will ihr nicht helfen. Die beste Freundin hingegen riskiert ihr Leben für sie. Im August 1942 trifft sie Werner Vetter. Er, der überzeugte Nazi, verliebt sich in sie und will sie heiraten - auch dann noch, als sie ihm gesteht, dass sie Jüdin ist. Aber die Zeiten der Angst sind damit nicht vorüber. Denn auch die Heirat verschafft Edith nicht die Papiere, die sie braucht, um ihre »arische Abstammung« zweifelsfrei zu beweisen. Edith Hahn Beers Anspruch war es, in ihren Lebenserinnerungen ehrlich und gerecht zu sein. Das ist ihr in bewegender Weise gelungen.
Über den Autor:Edith Hahn Beer wurde 1914 in Wien geboren und lebt heute in Netanya, Israel. Nach Kriegsende wurde sie unter russischer Besatzung als Richterin in Nazi-Prozessen eingesetzt. Als man sie zur Mitarbeit für den KGB zwingen will, emigriert sie nach England. Susan Dworkin schreibt Romane, Theaterstücke und Drehbücher.
Schattenkind
Kurzbeschreibung: Isabella, Anfang 40, selbstständige Übersetzerin, nimmt aus einem spontanen Entschluss ein Kind im Kinderwagen mit, das zu lange unbeaufsichtigt vor einem Geschäft steht. Um bohrenden Fragen und juristischen Problemen aus dem Weg zu gehen, flieht sie mit dem Kind in ein Dorf in Cornwall, wo sie Aidan kennenlernt und sich verliebt.Isabella, die aus völlig irrationalen, aber dennoch nachvollziehbaren Gründen das Kind Hannah mitnimmt und zuhause entdeckt, dass es misshandelt und absichtlich ausgesetzt wurde, lässt alles zurück, um das Kind behalten zu können. Glücklicherweise hat sie einen Beruf, dem sie an jedem Platz der Welt von zuhause aus nachgehen kann. Auch den ersten Schritten am neuen Wohnort, dem Herrichten des Häuschens und dem Glück, von Hannah als Mutter anerkannt zu werden, kann man gut folgen. Dann erlebt Isabella mit Aidan die große Liebe und furiosen Sex, ihr Ex-Mann taucht zufälligerweise auf - warum sie sich trotz schlechter Erfahrungen aus der Vergangenheit und trotz Aidan wieder mit ihm einlässt, bleibt schleierhaft.
Über den Autor: Matthias Jendis wurde 1959 in Rotenburg/Wümme geboren und ist in Göttingen aufgewachsen. Dort studierte er Englische Philologie und Geschichte und arbeitete mehrere Jahre am Englischen Seminar. Seit 1996 arbeitet er als freier Übersetzer. 2002 erhielt er den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis für Übersetzungen angelsächsischer Literatur und den Förderpreis Literatur des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.
Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme
Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme von Ursula Priess
Kurzbeschreibung: "Der Frisch also, der ist Ihr Vater!? Sie erschrak dass er nicht Max Frisch sagte, auch nicht Herr Frisch, und in welchem Ton er es sagte! Aber auch er schien erschrocken." Eine Frau und ein Mann haben den Sommer über miteinander telefoniert, nun treffen sie sich in Venedig. Sie wissen fast nichts voneinander, aber schon bald stellt sich heraus, dass es in ihren Vorgeschichten fatale Überschneidungen gibt. Der Mann kannte Ingeborg Bachmann zu jener Zeit, als diese mit dem Vater der Frau, Max Frisch, zusammenlebte. Je länger die beiden durch Venedig schlendern, umso deutlicher wird ihr: Der Mann muss jenes nicht zu greifende Phantom gewesen sein, an dem ihr Vater in seiner Eifersucht schier zerbrochen war. Die Begegnung in Venedig, als Affäre begonnen, endet verhängnisvoll. Der Mann flieht aus Angst, wie er später gesteht, Angst vor Verstrickung, und die Frau stürzt durch alle bis dahin sicher geglaubten Selbstbilder, "durch alle Spiegel". Die "Bestandsaufnahme" gibt ein bewegendes Zeugnis vom Versuch der Tochter, die schwierige Beziehung zum Vater neu zu sichten und darüber ihre eigene Sprache zu finden.Ein wahres, ein wahrhaftiges Tochter-Vater-Buch.
Über den Autor: Ursula Priess, Tochter von Max Frisch (1911 1991), geboren 1943 in Zürich, Studium der Literaturwissenschaft. 1966 Wegzug aus der Schweiz, Ausbildung und Arbeit als Heilpädagogin in Schweden, Schottland, Süd- und Norddeutschland. Mitgründerin verschiedener Initiativen (u.a. heilpädagogische Schule in Kiel, sozial-therapeutische Lebens- und Werkgemeinschaft in Lahore/Pakistan). Mutter von vier Kindern. Mehrere Reisen nach Indien und Pakistan, sowie in Europa und in die Türkei, wo sie sich längere Zeit niederließ. Heute lebt und arbeitet sie in Norddeutschland und in Berlin. Von ihr sind verschiedene Texte in Anthologien erschienen. Zuletzt (als Herausgeberin): Istanbul, in der Reihe Europa erlesen, 2008.










