Mag. Josef Lugmayr verläßt mit 1.4.2012 die KMB und wid Leiter der Abteilung Ehe und Familie im Patoralamt der Diözese Linz

aus Ypsilon 1/2012
Was hat dir bei der KMB gefallen?
Lugmayr: Die Arbeit mit den Männern war für mich spannend und bereichernd. Die direkte und offene Art vieler Männer hat mir besonders gefallen. Beeindruckt hat mich, wenn es gelungen ist, eine dichte Atmosphäre herzustellen, die so manchen mit rauer Schale berührt und im Herzen bewegt hat. Bei einigen Gottesdiensten, aber auch bei überzeugenden Referenten ist
das gelungen.

Was sind die Stärken der Männerbewegung?
Lugmayr: Bei uns in der Diözese sind es die engagierten Mitarbeiter, die die KMB tragen. Man muss Männer persönlich ansprechen; es braucht Angebote vor Ort, die zeigen: Das
ist auch für mich etwas, da kann ich mittun, da habe ich selber auch etwas davon. So können kleine Gruppen entstehen, wachsen und lebendig zusammen sein.

Welche Erlebnisse haben dich am meisten bewegt?
Lugmayr: Da fallen mir Großereignisse ein, wie z. B. das Jubiläumsfest in Melk, zu dem über 700 Männer aus Oberösterreich angereist sind. Aber auch kleine, sehr bewegende
Augenblicke: Etwa bei der Bergwoche, nachdem ich mit meinen Bergkameradinnen und Kameraden den Klettersteig neben einem Wasserfall geschafft habe und wir oben einander
„Berg Heil“ gewünscht haben.


Ein Wort zum Abschied?
Lugmayr: Danke euch allen, und viel Mut, Energie und Zuversicht in der KMB.

Gottes Segen wird mit euch sein!

Interview von Dr. Markus Himmelbauer (Chefredakteur Ypsilon)


Die Töchter der neuen Väter
Ein Interview von Markus Himmelbauer mit zwei Töchtern "neuer Väter"

Papa zu Hause. Ein Vater, der zu Hause die alltägliche Versorgung der Kinder übernimmt, nimmt einen besonderen Platz im Leben seiner Töchter ein. Hannah und Anna erzählen, wie sie diese Konstellation erlebt haben.

y: Es war schwer, Gesprächspartnerinnen zu diesem Thema zu finden. Ihr habt eine ausgefallene Familiengeschichte zu erzählen.
Hannah: Schon immer hatte Papa mit uns Kindern gelernt. Wie er dann in Bildungskarenz war, hat er dann auch die Schürze angehabt und gekocht. Das war für meine Mitmenschen sehr schräg, aber es war prägend.

Anna: Bei uns war’s so: Der Papa war prinzipiell schon berufstätig. Er konnte sich als Selbständiger jedoch die Zeit einteilen. Er war z.B. am Mittwoch fix zu Hause. Er war viel mit den Kindern in Kontakt, hat Sachen unternommen, war für die Schule verantwortlich, fürs Kochen und Backen. Mama hat nie gebacken und ich hab früher geglaubt, dass nur Männer backen können. Die Wäsche hat er nicht gemacht. Ob das ausgemacht war oder sich aus einer Selbstverständlichkeit ergeben hat, weiß ich nicht.

Hannah: Mein Vater auch nicht. Er war für die Schule zuständig, gewaschen und gebügelt hat er überhaupt nicht. Auch heute noch kocht der Papa immer, oder er kocht vor, wenn die Mama arbeitet. Die Küche und Schule sind seines.

y: Wie war das im Vergleich zu anderen?
Hannah: Du hast so einen coolen Papa, der lernt mit dir Mathe, oder der Papa ist zum Mittagessen da. Bei meinen Freundinnen war das nie so, dass der Papa da ist.

Anna: Die Erfahrung hab’ ich auch, dass das was Besonderes ist.

Hannah: Dadurch, dass der Papa bei der Katholischen Jugend war, hat er viel gemacht. Bei der Firmvorbereitung bin ich mit ihm und 5 bis 6 Freunden eine Woche nach Bad Goisern gefahren. Für die Erstkommunion war halt der Papa die Tischmutter. Anders hab ich es nie kennengelernt.

y: War der Papa, wenn er da war, anders als die Mama? Hat jeder und jede verschiedene Rollen gehabt?
Anna: Bei der Mama war’s eher so, dass sie die organisatorischen Sachen übernommen hat. Sie hat dann eher drauf geschaut, ob die Schulaufgaben gemacht worden sind, oder steht sonst irgendwas an. Eher überblicksmäßig, bei Problemen eher pragmatisch. Der Papa war eher für das Emotionale zuständig, bei ihm hat man sich ausgeheult und über das geredet, was einen beschäftigt hat.

Hannah: Emotional waren beide. Ich bin halt mehr zur Mama, der Papa war strenger.

Anna: Das war bei uns umgekehrt. Der etwas strengere Teil war die Mama. Der Papa hat eher gelacht, als ich mit dem ersten Rausch nach Haus gekommen bin.

y: Kennt ihr Freundinnen und Freunde, bei denen es ebenso war?
Anna: Ich müsste da länger überlegen …

Hannah: Von der Familie her schon. Meine Onkel sind schon so. Im Freundeskreis aber ist es aber der Papa, der heimkommt und das Essen auf den Tisch kriegt und die Mutter ist schön angezogen, damit er glücklich ist.

y: Was habt ihr mitbekommen, was andere nicht haben?
Hannah: Wenn ich mit einer Freundin rede, haben wir eine ganz andere Sicht vom Mann. Meine Mutter hat mich so erzogen und gesagt, dass ich immer mein eigenes Geld verdienen soll und nicht abhängig von einem Mann sein soll. Meine Freundin hat eine viel strengere Sicht: „Die Frau hat ihre Aufgaben und der Mann auch. Das ist halt so.“ Ich sehe das anders, der Mann ist auch zuständig,

y: Gehen traditionelle Rollenbilder eher von den Burschen oder von den Frauen aus?
Hannah: Ich schätze einmal, wenn die Frau ihren Mann immer so verwöhnt, da ist der Mann froh drüber und wird sich nicht aufregen darüber.

Anna: Sie werden sicher von beiden Aufrecht erhalten. Von meinem Freundeskreis her hab’ ich momentan den Eindruck, geht das jetzt mehr von den Frauen aus. Ich hätte fast eher den Eindruck, die Burschen können sich schon vorstellen, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Manchmal kommt von den Frauen, dass sie schon gern ihre Selbständigkeit und ihre finanzielle Unabhängigkeit bewahren wollen. Dann kommen eine gewisse Resignation und die Erkenntnis, dass sie zum Schluss doch weniger verdienen und im System gefangen sind. Es ist noch nicht so leicht, diese Dinge zu vereinbaren. Es ist nicht die komplette Offenheit von den Frauen da. Sie können sich aber auch nicht so wirklich auf die neuen Zuständigkeiten und Verantwortungen der Männer verlassen.

y: Wie ist euer eigenes Bild von Männern?
Anna: Ich erwarte mir im Gegensatz zum traditionellen Bild mehr, dass der Mann auch ganz andere Qualitäten hat: Der kann fürsorglich sein, der kann liebevoll mit seinen Mitmenschen und Kindern umgehen und genauso unangenehme Hausarbeit übernehmen, die einfach neben dem Job anfällt. Es fällt total auf, dass das immer noch etwas Besonderes ist. Das ist schade. Das sollte alles ein bisschen selbstverständlicher sein.

Hannah: Ja, man erwartet schon mehr. Wenn ein junger Mann sagt, dass er gern kocht oder die Wäsche wäscht, so ist das etwas Besonderes, obwohl ich es von zu Hause kenne. Es ist wunderbar, wenn ein Mann so etwas sagt, aber es ist nicht selbstverständlich.

y: Wie war es denn mit dem Loslassen von zu Hause?
Anna: Da sind wir noch dabei. Das ging von der Mama leichter.

Hannah: Bei mir auch.

Anna: Es war eigentlich immer so, dass er sagte: Ja mach deinen Weg, zieh aus. Passt. Aber jetzt ist dieses Loskommen irgendwie noch nicht ganz durch, dass ich seine Sicherheit hätte.

Hannah: Da hab ich auch noch einen langen Weg vor mir. Die Mama hat schon gesagt, wie ich mit 17 nach Wien gezogen bin: „Du gehst jetzt deinen Weg.“ Der Papa redet schon noch drein. Der Papa hat noch nicht losgelassen. Auch wenn ich jetzt nach Hamburg gehe, der schafft’s noch nicht.

y: Kann das daran liegen, dass die Töchter trotz aller Aufgeschlossenheit doch die Prinzessinnen sind? Die Buben sind die Krieger, die schickt man raus, die Welt zu erobern.

Hannah: Zu meinem Bruder hat mein Papa auch eine andere Beziehung. Früher haben wir im Bildungshaus in St. Michael Vater-Tochter-Wochenenden organisiert. Das war leider selten besucht. Aber die Vater-Sohn-Wochenenden waren überlaufen. Für Väter mit Töchtern gibt’s nicht so viel Angebote.

Interview: Markus Himmelbauer


Hannah Wechner (19) aus Innsbruck, studiert Kunsttherapie in Hamburg.
Anna Kromer (25) ist in Grafikerin in Wien und studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft.

--------------------------------------------------------------------------------
Soziale Gerechtigkeit ist die Umsetzung der Menschenwürde
Interview mit Dr. Heinrich Neisser

Heinrich Neisser. „Gerechtigkeit konkret“ ist das Jahresthema der Katholischen Männerbewegung. Was dies mit konkreter Politik zu tun hat, erklärt der ehemalige zweite Nationalratspräsident und Politikwissenschaftler im ypsion-Interview.


y: „Soziale Gerechtigkeit“ ist ein Schlagwort der Politik. Was versteht man darunter, wenn man abseits von Wahlkampfzeiten etwas mehr darüber nachdenkt?

Neisser: Der Begriff der sozialen Sicherheit ist für die Politik deshalb wichtig, weil er für die Aufforderung zum sozialen Engagement auf der einen Seite steht, und auf der anderen Seite aber auch, weil es Aufgabe der Politik ist, natürlich auch für ein bestimmtes Maß an sozialer Gerechtigkeit zu sorgen. Ich würde zwei Dimensionen besonders hervorheben: Zum Einen ist es die Aufgabe, politische Inhalte so zu gestalten, dass in einer Gesellschaft ein hoher Standard an sozialer Gleichheit, an Chancengleichheit, existiert. Die zweite Dimension ist, dass soziale Gerechtigkeit auch eine Aufforderung an den Einzelnen ist, sich sozial zu engagieren, d.h. es ist die zivilgesellschaftliche Seite.

y: Im Wahlkampf kommt es bisweilen zu einer „Robin Hood-Mentalität“, der Kämpfer für Gerechtigkeit.

Neisser: Gerade in Wahlkämpfen ist der Begriff der Gerechtigkeit ein durchaus alltäglicher Begriff, aber es versteht eigentlich jeder etwas Anderes darunter. Auf der Sachebene kommt man nicht weiter. Ich würde das ganze System der sozialstaatlichen Leistungen, das ja im Wesentlichen ein bürokratisches Problem ist, als geistigen Oberbau unter den Begriff der Menschenwürde stellen. Ich glaube, das zentrale Anliegen jeder Form von sozialer Gerechtigkeit ist die Umsetzung der Menschenwürde, d.h. den Menschen eine soziale Existenz in einem bestimmten Rahmen zu geben. Mir ist schon bewusst, dass der Begriff der Menschenwürde auch schwer zu definieren ist.

y: Was würden Sie konkret als Herausforderungen des Sozialstaats bezeichnen?

Neisser: Das Thema einer Mindestsicherung, eines Existenzminimums ist völlig legitim. Es geht darum, ein Steuersystem zu schaffen, das soziale Disparitäten und die soziale Kluft nicht vergrößert, sondern eher verkleinert, etwas abfedert und mindert. Es geht vor allem um die Schaffung eines Bildungssystems, in dem wirklich eine Chancengleichheit besteht, weil das heute der Kern für die Zukunft ist. Es geht natürlich auch um alle jene Politikfelder, wo der Generationenvertrag eine entscheidende Rolle spielt, im Wesentlichen das Pensionssystem.

y: Wie sehen Sie das Verhältnis des bürokratischen Sozialstaat zum zivilgesellschaftlichen Einsatz des Einzelnen?

Neisser: Die entscheidenden Impulse und die Orientierungen müssen durch die Politik herbeigeführt werden. Das ist gar keine Frage. Ich glaube nur, dass der Einzelne ein besonderes Rollenverständnis und ein besonderes Verantwortungsbewusstsein haben muss. Wenn der Einzelne sich nur als Leistungsempfänger sieht, der seine Pfründe erhält, ist das zu wenig. Man muss wissen, dass das ein System ist, bei dem alle mitwirken und letztlich auch ihre Chancen einsetzen müssen, um zu einem allgemeinen Wohlstand zu kommen.

y: Würden Sie das durchschnittliche Arbeitslosengeld oder die Sozialhilfe tatsächlich als „Pfründe“ bezeichnen?

Neisser: Ich verwende das Wort „Pfründe“ für das Bewusstsein dessen, der die Leistung erhält. Vom Wesen her sind soziale Leistungen weder eine Pfründe noch ein Gnadenerweis des Staates, weil es in einem Sozialstaat selbstverständlich ist, dass der Staat diese Rolle übernimmt. Die EU hat eine Grundrechte-Charta, in der erstmals soziale Grundrechte verankert sind. Da kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass Grundrechte nicht nur die Freiheit des Einzelnen sichern, wie es im klassischen Verständnis war, sondern er braucht auch eine soziale Existenz. Daher sind die sozialen Grundrechte das Pendant dazu. Ich glaube, dass ein Arbeitsloser sich legitimerweise bemühen muss, den Großteil seines Lebens arbeitend zu verbringen. Es ist eine andere Frage, ob das möglich ist.

y: Ich sehe hier noch einen Mitspieler: die öffentliche Meinung, der Boulevard, der Stimmung macht.

Neisser: Das ist eine zum Teil peinliche Rolle der Medien, wenn sie Schiedsrichter in Fragen der sozialen Gerechtigkeit sind, die diese Klischees hervorrufen, wie des „Abzockers“, des Parasiten öffentlicher Leistungen, usw. Damit lässt sich eine Emotionalisierung des Themas herbeiführen, die vom Inhalt völlig ungerecht ist.

y: Im weltweiten Kontext: Wie würden Sie das Ziel einer gerechten Weltordnung definieren?
Neisser: Ich glaube, es ist sehr schwer, ethische Fragen weltweit zu vereinheitlichen. Ethik wird aus einer Kultur heraus geboren und wir haben eine kulturelle Vielfalt, die wir gar nicht aufgeben wollen. Entwicklungspolitik kann versuchen, in einem unglaublich vernetzten System durch Kontakte und Kommunikation soziale Verantwortung zu stimulieren und auch soziale Leistungen in eine Welt der Armut hineinzubringen. Im internationalen Bereich gibt es Möglichkeiten, dass man sich wirklich engagiert, auch unter Rücksichtnahme auf den Partner und seine soziokulturelle und sozioökonomische Eigenheit. Ich will nicht sagen, die staatliche Entwicklungspolitik ist überflüssig: Auf der Ebene der Diplomatie und der internationalen Beziehungen spielen Regierungen und Parlamente eine entscheidende Rolle und sie sollen auch motivieren. Das entwicklungspolitische Salz kommt aber eigentlich von woanders.

Interview geführt von Dr.Markus Himmelbauer

 

 


Von der Kunst, älter zu werden
von Hanns Sauter

Erfolgreich altern. Klingt das nicht paradox? Bei „erfolgreich“ denkt Mann an Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Vitalität, bei „altern“ an schwindende Kräfte, Rückzug, Verluste. Bedeutet „erfolgreich altern“, dass alles, was wir am Altwerden nicht schätzen, umso schneller eintrifft?

Oder heißt es, so lange wie möglich die negativen Seiten des Alters hinauszuschieben? Dies scheint zumindest die Position der Pharma-, Ernährungs- und Wellnessindustrie zu sein sowie aller über 50-Jährigen, die dazu beitragen, dass diese boomt. Und überhaupt: Wann beginnt das Altern? Genau genommen, mit dem ersten Lebenstag. Das bedenkt der Mann (und auch die Frau) in der Regel nicht, und der Gedanke, dass „Altern“ eine andere Bezeichnung für „Leben“ sein könnte, klingt zumindest ungewohnt.

Lebensqualität

Für viele bedeutet der Eintritt in den Ruhestand weder den Beginn des Alters noch das Ende des aktiven Lebens, sondern, nun die „besten Jahre“ erreicht zu haben. Gesundheitsprobleme hat Mann dank der modernen Medizin im Griff, existenzielle Sorgen halten sich in Grenzen. Insofern sind die heutigen Senioren sicher „erfolgreich“. Einer aktiven Lebensgestaltung steht kaum etwas im Wege. Immer stärker wird die nachberufliche Zeit „gerade jetzt“ als Möglichkeit neuer, selbst gewählter Verpflichtungen verstanden, die nicht nur der Allgemeinheit nützen, sondern wesentlich zur eigenen Lebenszufriedenheit beitragen.
Stellt Mann der Wissenschaft die Frage, was sie denn unter „erfolgreich altern“ verstehe, antwortet diese: „hinreichende Lebensqualität“ – und versteht darunter objektiv Messbares wie Einkommen, Gesundheit, Wohnen, Sozialkontakte, aber auch ein „subjektives Wohlbefinden“. Damit meint sie die Zufriedenheit mit der individuellen Lebenssituation, die bekanntlich sehr unterschiedlich sein kann. Was für den Einen Glück, Zufriedenheit oder Wohlergehen bedeutet, bedeutet es für den Anderen noch lange nicht. Zweifellos ist gute Gesundheit ein wichtiger Faktor, doch auch hier gibt es neben dem vom Arzt festgestellen „objektiven“ Gesundheitszustand auch den „subjektiven“, das eigene Gefühl, gesund zu sein. Dieses ist für die Einschätzung, ob sich Mann als vital oder leistungsfähig betrachtet viel stärker bestimmend als die ärztliche Diagnose.

Die andere Seite des Lebens

Eine Vielzahl von Faktoren bestimmt erfolgreiches Altern. Männer haben hier einen anderen Zugang als Frauen, zudem gibt es kein allgemein anwendbares Messinstrument. Zu den Werten, die das Älterwerden erfolgreich machen, gehören nicht nur materielle, sondern wesentlich auch geistige. Hier haben manche Männer ein Problem: „Glauben, Religion? Naja, ich bin zwar katholisch…Vielleicht lehrt mich einmal die Not beten, aber noch bin ich selbst der Mann!“ Mann schaut gerne auf seine Kraft, sein Können, seinen Verdienst. Doch ungewollt und unbemerkt überfordert er sich mit diesem Glauben an sich selbst. Dann fällt es ihm einmal schwer, etwas zu akzeptieren, was er nicht beeinflussen kann, oder einzusehen, dass es etwas gibt, was seine Kraft übersteigt. Wer sich den Glauben an sich selbst ständig beweisen muss, verliert den Blick für andere Seiten des Lebens.
Das Älterwerden macht vieles entbehrlich, was die eigene Größe und Stärke bewiesen hat. Doch wenn Dinge, die für den Mann von großem Wert waren, wegfallen, und wenn ihm nicht mehr klar ist, was nun von Wert ist, gerät die Lebensordnung durcheinander. „Erfolgreich älter werden“ heißt dann, die Rangfolge der Wertigkeiten ordnen. Die innere Ruhe, die manche ältere Menschen ausstrahlen, kommt daher, dass sie Klarheit darüber gefunden haben, welche Prioritäten sie setzen wollen. Reichtümer wie Besitz, Fertigkeiten, Wissen, Bildung, Ansehen, Gesundheit, Attraktivität verlieren sich. Sich daran festzuhalten, führt zu Unrast. Auf der Suche nach neuen Prioritäten hilft die Frage weiter: „Was führt mich zu Glück und Freude?“ Das können ganz andere Dinge sein als die gewohnten, und diese erweitern die Fragestellung in: „Was führt mich zu dem, der Freude und Glück ist?“ Diese Frage ist im Laufe eines Männerlebens oft untergegangen. Nun möchte sie beantwortet werden. So gehört zum erfolgreichen Älterwerden, zu dem Gott zu finden, der mich trägt und der mich von vielen Dingen befreit.
Männer, die sich von Gott getragen wissen, handeln deshalb nicht kraftlos, sondern genau mit der Kraft, die aus diesem Glauben kommt. Dann mag es sein, dass ein Jüngerer zu einem Älteren sagt: „Wenn ich einmal alt bin, möchte ich auch so sein wie du!“ Gibt es ein liebenswürdigeres Zeugnis, erfolgreich älter geworden zu sein?

Hanns Sauter.
Der Autor ist seit 1982 im Fachbereich Seniorenpastoral der Erzdiözese Wien tätig.

 

Erwerbsarbeit im Umbruch
Univ.Prof. Dr. Emmerich Tálos

Der flexible Mensch. Die sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft unterliegen einem merkbaren Wandel. Der flexible Mensch wird propagiert und auf allen Ebenen eingefordert. Dies gilt auch für den Bereich der Erwerbsarbeit.


Ausdruck dafür ist unter anderem die zunehmende Verbreitung neuer Beschäftigungsformen. Diese weichen vom „Normalarbeitsverhältnis“ ab, das das 20. Jahrhundert prägte. Darunter wird eine vollzeitige, dauerhafte Beschäftigung mit geregelter Arbeitszeit und sozialer Absicherung verstanden. Die Abweichungen von dieser, in erster Linie für Männer geltenden Beschäftigungsform, zeigen sich an Teilzeitbeschäftigung, Leiharbeit, befristeter oder geringfügiger Beschäftigung, Arbeit auf Abruf sowie so genannter scheinselbständiger Beschäftigung.

Neue Beschäftigungsformen
Mit diesen Beschäftigungsformen sind Chancen wie Risiken verbunden. Die Chancen für Unternehmen bestehen in der Vergrößerung des Spielraums für Anpassungen von Personal und Personalumfang, bestehen in Kostenvorteilen. Für Beschäftigte können derartige Arbeitsformen eine Alternative zu Erwerbslosigkeit, die Realisierung von mehr, vor allem auch zeitlicher Selbstbestimmung und eine bessere Vereinbarkeit von familiärer und beruflicher Arbeit bedeuten.
Die Risken sind beträchtlich und nicht zu übersehen: Atypische Beschäftigungsformen bedeuten vielfach niedriges und diskontinuierliches Einkommen, weniger qualifizierte Tätigkeiten, schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten, größere Instabilität des Arbeitsverhältnisses. Nicht zuletzt resultiert daraus oft eine eingeschränkte und zum Teil nicht ausreichende sozialstaatliche Absicherung. Was wir heute noch als atypisch bezeichnen, wird typisch für die Erwerbsarbeit der Zukunft sein.

Armut trotz Erwerbsarbeit
Lange Zeit wurde Armut mit Verelendung im 19. Jahrhundert oder in der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre assoziiert. In jüngerer Zeit wurden darunter vor allem die Lebensbedingungen in Entwicklungsländern verstanden.
Seit einigen Jahren ist Armut selbst in reichen Gesellschaften zum Thema und zur Realität geworden. Armut heißt hier nicht absolute physische und soziale Verelendung, heißt nicht Infragestellung des Überlebens. Sie bedeutet allerdings Unterversorgung bzw. beträchtlich eingeschränkte materielle und soziale Teilhabechancen – in Relation zu den materiellen und sozialen Standards. Armut zeigt sich im Einkommens- und Bildungsmangel, in einem größeren Krankheitsrisiko, in der Notlage, sich notwendige Reparaturen nicht leisten zu können.
Betroffen davon sind keineswegs nur Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Zugang zu Erwerbsarbeit haben. Der letzte Armutsbericht verdeutlicht dies: „Insgesamt rund 228.000 erwerbstätige Personen im Erwerbsalter sind armutsgefährdet.“ Ihr Einkommen reicht nicht aus, um die Armutsgefährdung für sich und ihre Familien abzuwenden.

Chancen und Risiken ungleich verteilt
Erwerbslosigkeit prägte die letzten Jahrzehnte. Bedingt durch die einschneidende Wirtschaftskrise wird sie zukünftig noch mehr Menschen betreffen. Flexibilisierung meinte vorerst positiv veränderte Bedingungen für unselbständig Beschäftigte. Doch wurde der Begriff mittlerweile zu einem Charakteristikum der Erwerbsarbeitswelt, nämlich vor allem der Verfügbarkeit der Beschäftigten für das Unternehmen.
Die Anforderungen an Beschäftigte steigen. Die Übergänge in einer flexiblen Arbeitswelt von Job zu Job finden nicht nur häufiger statt. Sie sind oft für die davon Betroffenen mit Brüchen und damit auch mit Einkommensausfällen verbunden. Jene Menschen, die in einer Welt geforderter rascher Anpassung, Flexibilität und Mobilität nicht mitkommen können, werden mit beträchtlichen materiellen und sozialen Problemen konfrontiert.

Mindestsicherung
In dieser Situation bedarf es verschiedener Schritte: reichend von einem Ausbau der Arbeitsmarktpolitik, der Verbesserung der Zugänge zu Qualifikation bis hin zur Einführung einer Mindestsicherung. Letztere wird zu einer unumgänglichen Voraussetzung für die Sicherung von Teilhabechancen. Für junge Menschen ist nicht nur wichtig, ob und in welcher Höhe sie einmal eine Pension bekommen werden. Sie benötigen eine materielle Absicherung gerade auch wegen der veränderten Erwerbsarbeitsbiographie.
Flexicurity meint die soziale Abfederung und Absicherung unter den Bedingungen einer zunehmend flexibilisierten Welt. Flexicurity sollte kein Schlagwort bleiben. Der nach 1945 breit ausgebaute Sozialstaat bedarf der Anpassung. Seine Leistungen sind heute und zukünftig notwendiger denn je.


Emmerich Tálos. Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Universität Wien.



Nullwachstumsökonomie
Univ. Prof. Dr. Ulrich Duchrow

Eine Wirtschaft, die ökologisches Gleichgewicht und soziale Gerechtigkeit bringt

Es ist nicht überraschend, dass es eine Finanzkrise gibt. Überraschend ist, dass sie
erst jetzt ausbricht. Der Club of Rome sagte sie 1972 in ihrer Studie „Grenzen des Wachstums” bereits für 2000 voraus. Hinter ihr steht nämlich die Krise des kapitalistischen Systems. Ein wirtschaftliches Modell, das auf grenzenlosem Wachstum aufbaut, benötigt grenzenlose Ressourcen.

Kapital ist Geld, das man investiert, um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Daraus entsteht das rationale Kalkül, die natürlichen Ressourcen möglichst frei zu nutzen, so wenige arbeitende Personen wie möglich einzustellen und Arbeitslöhne zu senken. Dies ist der Grund für die Tendenz des Kapitals, die Quellen des Reichtums – Natur und Arbeitskräfte die arbeitenden Menschen – zu zerstören. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 konnte die Arbeiterbewegung eine Zähmung des Kapitalismus erreichen. Daraus entstand die „New Deal- Politik“ in den USA und nach dem Krieg die „soziale Marktwirtschaft“ in Europa. Als sich aber seit den 1960er Jahren das Kapital globalisierte und so den nationalen Regulierungen auswich, führten die G7 Länder die neoliberale Politik ein. Die Folge: Spaltung der Bevölkerungen in Armgemachte und sich Bereichernde im Norden und im
Süden, Lohndrückerei, Massenerwerbslosigkeit, Senkung der Sozialleistungen und ökologische Zerstörung. Dadurch wurde auch die Kaufkraft der Massen geschwächt, was wiederum zur Überproduktion beitrug.

Zurück zur öffentlichen Kontrolle
Wegen der so abnehmenden Profite in der Realwirtschaft schufen die Kapitaleigner Finanzblasen durch Spekulation, um durch Derivate die Rendite zu erhöhen. So entstand der Kasino-Kapitalismus ohne Basis in der Realwirtschaft mit Gewinnen über 25%. Dieses System musste zusammenbrechen.
Nun kann der Markt, der Gott der Neoliberalen, nicht mehr helfen und die Spekulanten schreien nach dem schon zuvor instrumentalisierten Staat. Aber was sie wollen, ist ihre Auslösung durch die Steuerzahler, nachdem sie die Gewinne privatisiert haben. Inzwischen werden die Staaten vorsichtiger und gehen zu Teilverstaatlichungen über, damit Gewinne in den öffentlichen Haushalt zurückfließen können. So ist ein Anfang gemacht, den Neoliberalismus zu überwinden und die Wirtschaft unter öffentliche Kontrolle zu bringen.

Anders Wirtschaften
Aber dies ist nicht genug. Nötig ist ein ganz neues Modell für die Wirtschaft. Aber wie sollen wir eine neue Vision in die Tat umsetzen? Wir brauchen eine vielfältige Strategie, wie sie Kairos Europa – ein zivilgesellschaftliches Netzwerk von sozialen und politischen Initiativen – über mehr als 15 Jahre entwickelt hat.
Alle Menschen guten Willens können beginnen, lokal und regional zu wirtschaften, in Harmonie mit Gottes guten und ausreichenden Gaben der Natur. Anfänge einer kooperativen, sozial-solidarischen und ökologischen Wirtschaft bestehen bereits weltweit. Gleichzeitig müssen Bündnisse gebildet werden, um politische Maßnahmen durchzusetzen wie:
• Bindung von staatlichen Interventionen an soziale und ökologische Kriterien – so kann
mittel- und langfristig das Wirtschaften unter öffentliche Kontrolle und Regulierung für das
gemeinsame Wohl gebracht werden;
• Grundversorgung der Bevölkerung mit öffentlichen Gütern und Diensten (Wasser, Energie,
Bildung usw.) – gegen weitere Privatisierungen;
• Entwicklung einer zyklischen Wirtschaft, in der Ressourcen regeneriert werden;
• Langfristige Überwindung der kapitalistischen Wachstumswirtschaft für die Kapitaleigner
durch eine Nullwachstumsökonomie, die das ökologische Gleichgewicht und soziale
Gerechtigkeit als politisch belohntes Hauptziel verfolgt –eine Demokratisierung der Wirtschaft.

Ein Beitrag zum Frieden
Hinter der Finanzkrise steht die Systemkrise, deutlich sichtbar durch die ökologische Krise. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt, besonders Öl als Grundlage der kapitalistischen Industrialisierung.
Aber auch landwirtschaftliche Flächen für die Ernährung sind knapp, weil sie durch Agrosprit-
Produktion dezimiert werden. Die gegenwärtige Krise ist für die Menschheit ein
„Kairos“. Dieses Wort der griechischen Mythologie bezeichnet einen „entscheidenden und zur
Entscheidung rufenden Augenblick“. Heute ist es Zeit, vom Tod zum Leben umzukehren. Zurzeit erweitern die westlichen Mächte die Grenzen ihres eigenen Wachstums durch imperiale Kriege wie in Afghanistan und im Irak, durch die Bewaffnung Georgiens, durch die Unterstützung von faschistischen Regimes wie in Kolumbien und den Philippinen. Wer für einen Paradigmenwechsel im Wirtschaftlichen arbeitet, arbeitet also auch für den Frieden.

Der Autor ist Professor für systematische Theologie an der Universität Heidelberg und Motor des NGO-Netzwerks Kairos Europa.

Mag. Hans Schwarzbauer-Haupt
Migration fordert heraus

Es gibt nicht den Ausländer, genauso wenig wie es die typische Inländerin gibt. Immer geht es um konkrete Menschen, die ein Bündel von Motiven für ihr Handeln haben. Meine Erfahrungen aus 11 Jahren Flüchtlingsarbeit und MigrantInnenbetreuung zeigen dies deutlich. Worum geht es?
Es ist ein grundlegender Unterschied zwischen ‚freiwilliger' und ‚erzwungener' Migration, zwischen Einwanderung und Flucht. Allerdings beschränkt sich die "Freiwilligkeit" der Wirtschafts- oder Armutsmigration oft auf die Einsicht in die Notwendigkeit bzw. auf ein Nachgeben gegenüber drängenden Umständen.
Diese Unterscheidung fand ihren Niederschlag in der Genfer Flüchtlingskonvention. Jene/r hat Anrecht auf Schutz, "wer wohlbegründete Furcht vor Verfolgung aus Gründen der Rasse, der Religion, der Nationalität, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder aufgrund politischer Überzeugung" glaubhaft machen kann, sich außerhalb seines Herkunftsstaates aufhält und nicht in der Lage oder gewillt ist, sich dessen Schutz zu unterstellen oder dorthin zurückzugehen. Diese Definition aus der Zeit des Kalten Krieges ist zwar unzureichend, z.B. werden Bürgerkriege, ethnische Säuberungen, Krieg , Hunger oder Umweltkatastrophen nicht bzw. nur indirekt
als Fluchtgründe anerkannt. Diese Unterscheidung
aber aufzugeben oder gar die Flüchtlingskonven-
tion für überholt zu erklären, wäre ein Rückschritt zum Nachteil der Hilfesuchenden. Denn: Flüchtlinge sind gezwungen, ihr Land zu verlassen. Sie müssen sich in Sicherheit bringen und haben Anspruch auf Schutz vor Verfolgung.
Asylsuchende in Österreich haben es schwer: Manche kommen in Schubhaft, Andere erwartet trotz Mittellosigkeit ein Leben auf der Straße, weil sie nicht in die Bundesbetreuung aufgenommen werden. Der Druck auf Hilfsorganisationen, diese Asylwerber existenzsichernd unterzubringen, nimmt zu. Eine staatliche Existenzsicherung für die Dauer des Asylverfahrens ist unumgänglich.
Flucht, Vertreibung, Wanderung sind Tatsachen.
Niemand verlässt die Heimat, sein Zuhause ohne Grund. Doch wie ist das weitere Schicksal dieser Menschen? Wenn sie z.B. in Österreich ankommen, kommt für viele die bittere Erkenntnis: Aufgegriffen von der Fremdenpolizei müssen sie - oft in Schubhaft - feststellen, dass ihnen die Abschiebung in ihr "Heimatland" droht, in dem ihnen Folter, Verfolgung und Tod drohen oder sie vor dem Nichts stehen, weil sie alles aufgaben um die Ausreise zu finanzieren.
Viele Fragen beschäftigen mich: Wie groß muss die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sein, dass Menschen ihre Heimat, ja alles aufgeben, ihr Leben riskieren und das erforderliche Geld auftreiben, damit sie z.B. nach Österreich gelangen können? Welche Hoffnungen verbinden sie mit einem Leben im ‚Westen' bzw. ‚Norden'? Welche Enttäuschungen warten auf sie?
Wie verhält sich der/die MigrantIn in der Fremde? Wie wird er/sie aufgenommen? Was verändert sich für die "Eingeborenen"? Welche Aufstiegschancen haben Flüchtlinge oder ihre Kinder? Die Meisten müssen ‚unten' anfangen. Von Untersuchungen wissen wir, dass es gerade MigrantInnen sehr schwer gemacht wird, ihre gesellschaftliche, soziale und finanzielle Situation zu verbessern. Es gibt gesetzliche und strukturelle Ausgrenzungen, Benachteiligungen, fehlende Teilhabemöglichkeiten und Diskriminierungen. Politik und Gesellschaft sind gefordert. Integration fördert sozialen Frieden. Integration bedeutet Eingliederung, nicht Ausgrenzung oder Angleichung unter Aufgabe der eigenen Identität. Daher ist Wachsamkeit angebracht, damit nicht mit dem Wort Etikettenschwindel betrieben wird.

Mag. Hans Schwarzbauer-Haupt ist Leiter
der Flüchtlings- und Gastarbeiterberatung der Caritas der Diözese Linz

^

Klemens Hafner-Hanner
Chancengleichheit für Väter!

Vater werden ist nicht schwer (der Mann als Erzeuger), Vater sein dagegen sehr (der Mann als Ernährer, Beschützer, Erzieher, Identifikationsobjekt und Freizeitpartner) - oder doch nicht, reicht es, nur Geld anzuschaffen? Unlängst sprach ich in Sachen Haushalt und Kindererziehung mit einem EDV-Experten. Betroffen machte mich seine Aussage: "Solange ich genug Geld verdiene, ist das kein Problem".
"Überall, in jeder bekannten menschlichen Gesellschaft, lernt der junge Mann, dass eins der Dinge, die er, wenn er heranwächst, tun muss, um ein volles Mitglied der Gesellschaft zu werden, ist, Nahrung für eine Frau und ihr Kind herbeizuschaffen.". So 1955 die Kulturanthropologin Margaret Mead, die Jahre später bei ihren Forschungen an Stämmen in Neuguinea herausfand, dass dort die Rollen von Mann und Frau fast genau umgekehrt definiert sind wie in europäischen Gesellschaften. Daraus zog sie den Schluss, "dass die Prägung der Geschlechtsrollen gesellschaftlich bestimmt ist".

Mittlerweile wissen wir, dass Männer dieselben biologischen Voraussetzungen für eine liebevolle und kompetente Eltern-Kind-Beziehung haben wie Frauen.
Bedeutet Chancengleichheit, dass Männer zusätzlich zur Erwerbsarbeit auch noch eine liebevolle Vater-Kind-Beziehung aufbauen, den Haushalt schupfen, der Partnerin ein zärtlicher Partner sind? Das Logo der Männertagung in Puchberg war eine Batterie. Ziemlich passend finde ich, denn sie ist nur so lange gut, als sie "Saft" hat. Liefert sie keinen Strom, wird sie weggeworfen. Eine zutiefst männliche Angst - oder?
Ich habe volle Leistung zu bringen, wenn nicht, bin ich zum Wegwerfen gerade gut genug. Aber zum Glück gibt es Akkus - die brauchen zwar Zeit und Power um wieder aufgeladen zu werden, aber auf die Dauer gesehen, ist es günstiger - auch für die Umwelt.

Chancengleichheit bedeutet für mich nicht mehr zu leisten und mehr zu arbeiten, sondern auf der Geschlechterwaage Teile der einen Seite auf die andere
zu verlagern und dafür Teile von der anderen zu
erhalten - im Idealfall hält es sich die Waage. Bisher hauptsächlich von Frauen dominierte Bereiche für sich zu entdecken wirkt noch viel weiter.
Ich bin überzeugt, dass unsere Bedeutung als Mann für die kindliche Entwicklung wichtig ist. Väter haben eine Auswirkung auf die Geschlechtsrollenentwicklung sowie die kognitive Entwicklung. Dem Vorbild kommt eine immense Bedeutung in der Erziehung zu. Auch Eltern sind Menschen und von perfekt weit entfernt - aber wie sollten Kinder sonst lernen, mit Fehlern umzugehen ...
Die vor Jahrzehnten durch emanzipatorische Frauenaktivitäten und unter der Fahne des Feminismus initiierte Änderung im Rollenverständnis löste auch Unsicherheiten und Ängste aus. Auf Männer- wie auch auf Frauenseite. Wird meine Rolle als Mann (oder als Frau) hinterfragt, so bedeutet das auch ein Hinterfragen der eigenen Person - und wer stellt sich schon gerne selbst in Frage?
Was dabei oft übersehen wird, ist, dass Veränderung auch eine Chance bedeuten kann. Nützen wir die Chance!
Klemens Hafner-Hanner ist Organisationsreferent des Kath. Familienverband OÖ.

^

Rolf Sauer
Lebenshilfe für Männer
Geld gilt
Dem Herkunftswörterbuch verdanke ich den Hinweis: "Geld" ist mit "gelten" verwandt, und wenn der Mesner bei der Tafelsammlung "Vergelt's Gott" sagt, scheint dabei auch gleich das kultische Element unseres Zahlungsmittels auf: Der Ursprung des Geldes liegt tatsächlich in den Opfergaben, die "gültig" und echt waren.
Nun, daran denkt heute kein Mensch, wenn es ums Geldverdienen, Veranlagungen und Gewinne geht. Was hat es auf sich mit der immensen Bedeutung von Geld und Geldeswert, insbesondere für uns Männer?
Ich denke, es geht einmal um den starken Symbolwert: In einem bestimmten Geldbetrag ist ein Wert kürzestmöglich zusammengefasst: Wer etwa ein Haus um 5 Millionen kauft, gibt damit allen Leistungen, die der Vorbesitzer, die Handwerker, diejenigen, die den Grund gepflegt haben, denen die die Infrastruktur erschlossen haben und noch vielen mehr in einer einzigen Handlung eine starke Anerkennung: Er setzt dagegen all die Anstrengung, die er - und andere Mitfinanzierer - erbracht haben, um die 5 Millionen zu erwirtschaften. "All das ist genau so viel wert wie das was ihr getan habt." teilt der Käufer unausgesprochen mit. Ein solcher Vorgang ist äußerst kraftvoll.
Steckt doch in der Summe Geldes die Anerkennung aller Ressourcen von Zeit, Raum und Energie, die zu dem Kaufwert geführt haben. Dieser dichte Symbolwert des Geldes, der noch dazu klar und für alle eindeutig bestimmt ist (siehe Wechselkurse), hat etwas Übernatürliches an sich.
Diese starke Prägnanz zieht Männer an - und wir müssen das wohl als verhaltensgeschichtliches Vermächtnis aus grauer Vorzeit nehmen, da die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern in der Horde eindeutig war: Für die Pflege der Nachkommenschaft - und daher auch für den guten Aufenthaltsort - waren die Frauen, für die Erbeutung von Nahrung eben die Männer zuständig. Diese Muster haben sich über die Zeiten des Tauschhandels und der aufkommenden Geldwirtschaft bis heute erhalten und wir werden noch einige Generationen brauchen, bis eine Erweiterung dieses Verhaltens ihren Niederschlag auch in den Genen findet.
Was wir Männer tun können: Im Wissen, dass Anerkennung noch viel besser angenommen wird, wenn wir sie auch mit Worten und Gesten geben: Diese Form der Beziehungspflege als Bereicherung ansehen und pflegen. Wir entdecken, dass Geben und Nehmen in Worten und Handlungen zwischen Menschen, in Interaktion und Beziehungspflege zwar anders, aber eben so mächtig ist, wie die lakonische Abkürzung "Geld".

Mag. Rolf Sauer; Leiter der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz

^

Rolf Sauer
Kraftvoll Mann sein - mit Lust oder schlechtem Gewissen?
Machen wir uns nichts vor: wir Männer haben all zu lang mit unseren körperlichen Stärken geprotzt, imponiert und sie ausgenützt, um Schwächere, Frauen, Kinder zu beschämen, auch zu unterdrücken und ihnen Gewalt anzutun. Diese Haltung hat unsere Welt über Jahrhunderte geprägt. Es ist hoch an der Zeit, das neue Jahrtausend mit einer kraftvollen Alternative zu eröffnen zu dem, was im jetzt ausklingenden Jahrhundert in einem perversen Höhepunkt gipfelte: Im Nationalsozialismus (dessen überzeugteste Vertreter im großen und kleinen überdurchschnittlich viele Österreicher waren) mit seiner Übermenschen-Ideologie hat sich der Hochmut der geistlosen Kraftprotzerei so klar in die zerstörerische Sackgasse verrannt, dass wir hier für alle weiteren Generationen ein abschreckendes Beispiel besitzen.
Aber Achtung: daraus den Schluss ziehen, alle männliche Stärke und Potenz sei mit dem Verdacht des Gewaltsamen zu belegen und Kampagnen der Erziehung zu zögerlich-kraftlosen Burschen und Männern ableiten, geht nicht nur am gewünschten Ziel vorbei, sondern würde (im Erfolgsfall!) genau das erreichen, was damit vermieden werden soll: nämlich Generationen von schwächlichen Adolf-Eichmann-Typen, die sich überangepasst und liebedienerisch in den Dienst der herrschenden Kräfte stellen, die ein solches Machtvakuum unzweifelhaft hervorbrächte.
Nein, es geht darum, die uns Männern von der Natur mitgegebenen Qualitäten zu beachten und damit der Schöpfung entsprechend zu leben. Was heißt das konkret:
1. zu sehen was ist - ohne abzuschwächen oder zu übertreiben,
2. sich der Herausforderung durch das Weibliche zu stellen und
3. so die männlichen Kräfte kreativ-aufbauend mit Lust in den Dienst einer ganzheitlich-bunten Welt zu stellen.
Zum ersten: Wir Männer "funktionieren" in verschiedenen körperlichen und seelischen Bereichen anders als Frauen: Sprintstärke, punktuelle Konzentration, räumliche Orientierung, Aushalten von starken Zug- und Druckkräften, auch erhöhter Kalorien- und Proteinbedarf weisen auf Tüchtigkeiten wie Mut, Großherzigkeit, Gerechtigkeit und Solidarisches Handeln hin. Dazu können wir in Würde stehen und sie pflegen.
Punkt Zwei und Drei meinen die Integration der weiblichen Seite in uns Männern genau so wie die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Frauen in Familie, Beruf und Gesellschaft (auch Kirche!). "Männliche" Qualitäten gedeihen am sinnvollsten in Ergänzung mit den "weiblichen": So können etwa Kraft und Sanftmut eine schöne, spielend-tänzerische Zärtlichkeit ergeben.
Das gesellschaftlich schönste Beispiel einer solch gelungenen Integration ist m.E. die Gewaltfreie Aktion, die viel mit power, nichts mit violence zu tun hat: Gandhi hat - in Verbindung mit dem Göttlichen - die Kräfte seiner Landsleute zu bündeln und so die notwendige Veränderung herbeizuführen vermocht.

Mag. Rolf Sauer; Leiter der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz

^

Rolf Sauer
Männer - sprachlos?
In einer Männergruppe mit lauter Profis aus dem Beratungsbereich hatte ich folgendes Erlebnis: Wir hatten am Beginn die Aufgabe, einander vorzustellen: schließlich wollten wir zusammen eine intensive Werkwoche gestalten und kannten uns bis dahin noch nicht. Also sagte jeder im Kreis einige persönliche und berufliche Daten und was ihn zur Teilnahme an jener Woche bewegt hatte. Als nach einer Stunde der Trainer zurück kam, der uns dafür allein gelassen hatte, kamen wir darauf, was wir vermieden:
1. Wir sind einer intimeren Begegnung ausgewichen, die Zweier- oder Dreiergespräche gebracht hätten und haben statt dessen immer nur in der Gesamtgruppe (12 Personen) gesprochen.
2. Wir haben nicht nachgefragt, wenn es persönlicher wurde: So berichtete ein Kollege beiläufig von seiner zweiten Frau. In der Gruppenreflexion entdeckten wir, dass jeder von uns gern gewusst hätte, ob seine erste Frau gestorben oder seine erste Ehe geschieden war, aber: niemand von den anderen 11 hatte sich getraut, den Kollegen darauf anzusprechen.
Ich bin sicher, in diesen beiden Punkten unterschieden wir uns gewaltig von einer vergleichbaren Gruppe von Frauen, die das direkte Vier-Augen-Gespräch und die Impulse zum Nachfragen des persönlichen Hintergrundes gepflegt hätte.
Mich hat diese Erfahrung erschrocken: Sind wir beziehungsmäßig so wenig entwickelt, oder was ist mit uns Männern los?
Eine erste Erklärung liegt im männlichen Werdegang: Es gibt seit Jahrzehnten immer weniger Gelegenheit für einen Buben, einen Mann im Alltag zu erleben, der seine Empfindungen, Gefühle, Fragen offen zeigt und so für ihn selbst Modell ist, an dem er sein Verhalten lernt: Väter verbringen immer noch wenig Zeit mit ihren Söhnen im Vergleich zu Müttern, und andere Bezugspersonen in der frühen Kindheit sind als Kindergärtnerinnen und Volksschullehrerinnen allesamt Frauen. An denen jedoch lernt ein Bub nur, wie halt eine Frau reagiert und das ist für das eigene Verhalten nicht maßgebend. Folgerung: Sorgen wir dafür, dass Männer als gefühlvolle Väter und Erzieher aufscheinen. Generationen von Söhnen brauchen uns!
Ein weiterer Hinweis führt zu den Regeln unserer Berufswelt, in der der Wettbewerb dazu führt, dass sensible Informationen als Betriebsgeheimnis behandelt werden. So ähnlich gehen wir Männer nämlich mit unseren Empfindungen um: Als würden wir uns etwas vergeben, wenn wir dem anderen (als Rivalen gedacht) anvertrauen, wo wir hilflos sind, verletzbar und weich. Viele Erfahrungen unserer Männerwelt scheinen das auch zu belegen. Nur: wenn wir unsere Weichheit, Verletzlichkeit nicht im persönlichen Gespräch pflegen - etwa im Freundeskreis, in vertrauten Runden - , gibt es mit der Zeit kaum mehr etwas, was wir durch unsere Diskretion sinnvoll schützen können.

Mag. Rolf Sauer; Leiter der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz

^

Rolf Sauer
Politik der starken Sprüche

"Das ist alles sehr kompliziert!" so lautete der Ausspruch eines Bundeskanzlers, der nicht lang Kanzler war. Er hatte (in den meisten Fällen) recht - und damit keinen Erfolg beim Wähler. Die Parteien sind inzwischen schlauer geworden: Wie die Dinge genau liegen, damit können sie keine Stimmen fangen, also wird vereinfacht und an den "Wählerwillen" angepasst.
Die Misere der österreichischen Innenpolitik erwächst aus dieser Taktik: die großen Parteien verfügen seit Jahrzehnten über ein immer feineres Instrumentarium an Meinungsforschung und bringen - ebenfalls seit Jahrzehnten - nur noch solche Botschaften groß an die Öffentlichkeit, die für den Durchschnittswähler leicht verdaubar sind. Logische Konsequenz: Überzeugungsarbeit ist out; Werte, ob sozialistisch, christlich oder liberal, werden lästig und können nicht mehr in eine praktische Auseinandersetzung und Bewährungsprobe treten.
Entsprechend treten auch nur noch ausnahmsweise Exoten auf mit kantigen Meinungen, denen es um Gestaltung aus aufrechter Gesinnung geht, meist in den beiden kleinen Parteien oder bei den größeren in einer Art Reservat. Worin liegt die Misere: Mir scheint, die EU-Sanktionen haben das punktgenau herausgearbeitet. Ein Sprücheklopfer, der jedes Maß verloren hat für die Dimensionen der Menschlichkeit, dem der Respekt vor den Menschenrechten abzugehen scheint, sondern der nur mit spätpubertären, Lacher hervorrufenden Schmähs arbeitet, ist lebensgefährlich für das Gedeihen einer Demokratie. Warum?
In der Demokratie sind wir, das Volk, der Souverän. Wir sollten uns als wählende Entscheidungsträger ein Bild von der Wirklichkeit machen, das der Vielfalt des Lebens und seiner Beziehungen entspricht. Und nicht nur das: Wir müssen mit dieser Weltanschauung wissen, worauf wir hinauswollen, um den von uns gewählten Politikern ein Mandat geben zu können; wie sollen sie sonst in unserem Auftrag handeln?
Statt dessen greift eine doppelte Verweigerung um sich:
1. Genau hinschauen ist anstrengend, also lassen wir uns nur noch scheinbar Einfaches verkaufen,
2. Die Entscheidung, welche Werte ein riskantes Eintreten verdienen, überlassen wir besser anderen.
Heraus kommt eine Untertanengesellschaft und eine schludrige Politik der starken Sprüche.
Die starken Sprüche sind Ersatz für klare Analysen und gaukelt Entschiedenheit aufgrund von Einsicht vor. Das macht sie so verlockend und einlullend. Schließlich ist unsere Welt ja durchaus komplizierter geworden. Sich selbst ein umfassendes Bild zu machen ist da ebenso anstrengend, wie einen Standpunkt zu vertreten.
Ich plädiere für eine neue Aufklärung: Alle, denen eigene Meinung etwas wert ist, sorgen in Ihrem Bereich dafür, dass darüber der Austausch gepflegt wird: von der Schule, die vor politischer Enthaltsamkeit steril wurde, bis zum Wohnzimmer im Clinch mit Jugendlichen, die von uns Klartext hören wollen, vom Pfarrheim bis zu den Gemeindestuben. Treten wir auf, begeben wir uns in die Auseinandersetzung, damit sich die Konturen lichten.

Mag. Rolf Sauer; Leiter der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz

^

Maria Fellinger-Hauer
Toleranz ist nicht genug

Es soll tatsächlich - immer noch - Männer geben, die ihren Frauen vorschreiben, mit wem sie Kontakt pflegen dürfen und mit wem nicht, wieviele Kilo sie abnehmen müssten und dass selbstverständlich sie für die Hausarbeit zuständig seien.
Sind diese Frauen nun tolerant, weil sie das alles erdulden, verständnisvoll auf sich nehmen und weitherzig gelten lassen, wie das Lexikon Toleranz übersetzt?
Oder müssten die Männer zur Toleranz bezüglich des persönlichen Umgangs, des Hüftumfangs und der Aufgaben und Interessen ihrer Frauen aufgerufen werden und von wem? Und wenn ja, würde es etwas nützen? Würde eine solche Beziehung durch Toleranz - auf welcher Seite auch - besser werden?

Toleranz ist ein schillernder Begriff. .
Religions- und ideengeschichtlich ist mit der Idee der Toleranz ein zivilisatorischer Fortschritt gegenüber Absolutheitsanspruch und Fanatismus verbunden. Mit der Erklärung der Menschenrechte kommt Toleranz in Bezug auf Gewissens- und Religionsfreiheit jedem Menschen als Anspruch zu. Eine pluralistische Gesellschaft wäre ohne Toleranz nicht vorstellbar. Doch Toleranz drückt immer auch ein ungleiches Verhältnis aus: aus Großzügigkeit dessen, der bestimmen kann, darf der andere so sein wie er ist.
Auch hat die Toleranz Grenzen. Wo Menschenrechte missachtet werden, hört die Toleranz auf. Wo Toleranz zur Ideologie des "everything goes" wird, verkehrt sie sich in ihr Gegenteil.
Dies lässt sich auf das private Zusammenleben von Menschen übertragen. Ohne Toleranz kann es auch kein Zusammenleben von Individuen geben. Aber ohne Gleichheit ist eine Beziehung zwischen Partnern schwer vorstellbar.
Aushalten - erdulden - ist heute fast zu einem Tabu geworden. Vielleicht weil es so lange gerade den Frauen als eine der wichtigsten Tugenden vor Augen gestellt wurde und sie in ihrer persönlichen Freiheit behindert hat. Trotzdem: wer mit einem Menschen zusammenleben will, kann nicht von Harmonie auf allen Ebenen ausgehen. Vieles an Gewohnheiten und Eigenheiten muss ausgehalten werden.
Doch das Aushalten allein ist keine Basis für eine Beziehung. Es ist höchstens eine Voraussetzung für einen halbwegs reibungslosen Ablauf der praktischen Erfordernisse des Alltags. Ohne Toleranz geht es nicht. Aber für das Gelingen einer Beziehung braucht es mehr als Toleranz. Es braucht Engagement, aufeinander Eingehen, Verständnis, Austausch, Nähe und Geborgenheit.
Ein Freund hat mir nach der Matura, als ich sozusagen in die Welt hinauszog, zwei aus Karton ausgeschnittene Buchstaben geschenkt - E und T . Sie sollten mich an zwei Werte erinnern: Engagement und Toleranz. Den Freund habe ich längst aus den Augen verloren. Die zwei Begriffe haben sich mir eingeprägt. Sie gehören zusammen.
Um mit einem Menschen auf Dauer glücklich zusammenleben zu können, muß ich tolerant sein gegenüber herumliegenden Socken und der etwas anderen Art, an Lebensfragen heranzugehen. Aber ich muss mich immer wieder neu auf ihn einlassen.

^

Rolf Sauer
Was Männer zum Reden bringt

Gemeint ist nicht das "Reden halten", das Fachsimpeln, das Schwadronieren, das Imponieren, also nicht das Sprechen schlechthin, sondern: was sich Frauen so von Männern wünschen: persönlicher Austausch, Mitteilung von Gefühlen und Empfindungen, von Wünschen und Befürchtungen, von Ängsten und Hoffnungen.
Darin sind wir in der Regel alles andere als Meister. Die Hirnforschung hat das jüngst untermauert, wenn sie feststellt, dass bei Männern das Zentrum für die Gefühle in der einen, das fürs Sprechen zuständige in der anderen Hirnhälfte angesiedelt ist, im Gegensatz zu Frauen, wo beide Zentren nicht nur auf der selben Seite, sondern unmittelbar benachbart und eng vernetzt sind.
Das heißt m. E.: Das Aussprechen von Gefühlen fordert uns Männern Bemühung und Training ab, während Frauen sich hier zu Hause fühlen. Es heißt nicht: dass wir nicht lernfähig wären: So wie man eine Fremdsprache bis zu ihrer Beherrschung erlernen kann, so ist es auch uns Männern möglich, Fertigkeit und Geläufigkeit in der Sprache der Gefühle zu entwickeln.
Zwei Hindernisse gilt es zu beachten:
1. Im Berufsleben (vor allem der Männer) haben wir uns angewöhnt, Gefühlsregungen wie ein Betriebsgeheimnis zu verbergen, da sie Wettbewerbsnachteile bringen.
2. Von klein auf haben wir erlebt, dass praktisch alle für uns wichtigen Personen, die Angst, Furcht, Freude, Zorn, Dank, Trauer, Aufregung, Enttäuschung, Schmerz gezeigt haben, samt und sonders Frauen waren: die Mutter, die Kindergärtnerin, die Volksschullehrerin (Die paar Männer waren erstens wenige, zweitens wenig da und drittens "sachlich".) Wie soll ein Bub da lernen, dass es für ihn o.k. ist, selbst Gefühle zu zeigen - das erlebt er als Frauensachen.
So kommt es, dass wir nur selten die Erfahrung machen, dass sich die Äußerung von Gefühlen, etwa von Angst, bezahlt macht: Dass damit Intimität wächst, Verbundenheit entsteht, dass Trost und wärmende Solidarität die Angst relativieren hilft. Und genau an diesem Punkt kann das Lernen ansetzen, das uns Männern hilft, aus uns heraus zu gehen:
Solange wir unsere Empfindungen für uns behalten, bleiben sie diffus und machen etwas mit uns, anstatt dass wir einen Bezug zu ihnen finden. Wenn ich mir meine Angst eingestehe, sie (im vertrauten Rahmen) aussprechen kann, finde ich ein Verhältnis zu ihr: Ich kann sie etwa als Warnsignal ernst nehmen, kann Verbündete suchen oder einen Gefahrenherd meiden, abgesehen davon, dass das Ansprechen an sich schon befreiend wirkt. Und ich bin für andere wahrnehmbar: Wer ein vertrautes Verhältnis zu seinen Ängsten hat, ist nicht nur stabil, sondern auch als Person attraktiv, da er durch Offenheit Vertrauen ausstrahlt.
Was können wir konkret tun:
- Regelmäßig Tagebuch schreiben mit Fixpunkt "Wie geht es mir eigentlich?"
- Eine gute Freundschaft pflegen und dafür sorgen, dass mein Freund weiß, was mich persönlich umtreibt
- In Gruppen darauf achten, dass persönlicher Austausch möglich ist, bzw. aufdecken, wenn nur groß geredet oder geblödelt wird. Notfalls solche Gruppen meiden.
- Regelmäßige Partnergespräche mit Thema "wir beide"
- Guter Kontakt mit den eigenen Kindern
- Achten auf den Körper und seine Bedürfnisse (Sport, Schmerz, Wohlfühlen, Hunger, Durst,
Sättigung, sexuelle Erregung)
Wenn wir konsequent üben, trifft eines Tages auch für uns Männer zu, was schon Luther in seiner Bibelübersetzung formuliert: "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über"

Mag. Rolf Sauer; Leiter der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz

^