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Mag. Josef Lugmayr
verläßt mit 1.4.2012 die KMB und wid Leiter der Abteilung Ehe
und Familie im Patoralamt der Diözese Linz

aus Ypsilon 1/2012
Was hat dir bei der KMB gefallen?
Lugmayr: Die Arbeit mit den Männern war für mich spannend und
bereichernd. Die direkte und offene Art vieler Männer hat mir besonders
gefallen. Beeindruckt hat mich, wenn es gelungen ist, eine dichte Atmosphäre
herzustellen, die so manchen mit rauer Schale berührt und im Herzen
bewegt hat. Bei einigen Gottesdiensten, aber auch bei überzeugenden
Referenten ist
das gelungen.
Was sind die
Stärken der Männerbewegung?
Lugmayr: Bei uns in der Diözese sind es die engagierten Mitarbeiter,
die die KMB tragen. Man muss Männer persönlich ansprechen; es
braucht Angebote vor Ort, die zeigen: Das
ist auch für mich etwas, da kann ich mittun, da habe ich selber auch
etwas davon. So können kleine Gruppen entstehen, wachsen und lebendig
zusammen sein.
Welche Erlebnisse
haben dich am meisten bewegt?
Lugmayr: Da fallen mir Großereignisse ein, wie z. B. das Jubiläumsfest
in Melk, zu dem über 700 Männer aus Oberösterreich angereist
sind. Aber auch kleine, sehr bewegende
Augenblicke: Etwa bei der Bergwoche, nachdem ich mit meinen Bergkameradinnen
und Kameraden den Klettersteig neben einem Wasserfall geschafft habe und
wir oben einander
„Berg Heil“ gewünscht haben.
Ein Wort zum Abschied?
Lugmayr: Danke euch allen, und viel Mut, Energie und Zuversicht in der
KMB.
Gottes Segen wird
mit euch sein!
Interview von Dr.
Markus Himmelbauer (Chefredakteur Ypsilon)
Die
Töchter der neuen Väter
Ein Interview von Markus Himmelbauer mit zwei Töchtern "neuer
Väter"
Papa zu Hause. Ein
Vater, der zu Hause die alltägliche Versorgung der Kinder übernimmt,
nimmt einen besonderen Platz im Leben seiner Töchter ein. Hannah
und Anna erzählen, wie sie diese Konstellation erlebt haben.
y: Es war schwer,
Gesprächspartnerinnen zu diesem Thema zu finden. Ihr habt eine ausgefallene
Familiengeschichte zu erzählen.
Hannah: Schon immer hatte Papa mit uns Kindern gelernt. Wie er dann in
Bildungskarenz war, hat er dann auch die Schürze angehabt und gekocht.
Das war für meine Mitmenschen sehr schräg, aber es war prägend.
Anna: Bei uns war’s
so: Der Papa war prinzipiell schon berufstätig. Er konnte sich als
Selbständiger jedoch die Zeit einteilen. Er war z.B. am Mittwoch
fix zu Hause. Er war viel mit den Kindern in Kontakt, hat Sachen unternommen,
war für die Schule verantwortlich, fürs Kochen und Backen. Mama
hat nie gebacken und ich hab früher geglaubt, dass nur Männer
backen können. Die Wäsche hat er nicht gemacht. Ob das ausgemacht
war oder sich aus einer Selbstverständlichkeit ergeben hat, weiß
ich nicht.
Hannah: Mein Vater
auch nicht. Er war für die Schule zuständig, gewaschen und gebügelt
hat er überhaupt nicht. Auch heute noch kocht der Papa immer, oder
er kocht vor, wenn die Mama arbeitet. Die Küche und Schule sind seines.
y: Wie war das im
Vergleich zu anderen?
Hannah: Du hast so einen coolen Papa, der lernt mit dir Mathe, oder der
Papa ist zum Mittagessen da. Bei meinen Freundinnen war das nie so, dass
der Papa da ist.
Anna: Die Erfahrung
hab’ ich auch, dass das was Besonderes ist.
Hannah: Dadurch, dass
der Papa bei der Katholischen Jugend war, hat er viel gemacht. Bei der
Firmvorbereitung bin ich mit ihm und 5 bis 6 Freunden eine Woche nach
Bad Goisern gefahren. Für die Erstkommunion war halt der Papa die
Tischmutter. Anders hab ich es nie kennengelernt.
y: War der Papa, wenn
er da war, anders als die Mama? Hat jeder und jede verschiedene Rollen
gehabt?
Anna: Bei der Mama war’s eher so, dass sie die organisatorischen Sachen
übernommen hat. Sie hat dann eher drauf geschaut, ob die Schulaufgaben
gemacht worden sind, oder steht sonst irgendwas an. Eher überblicksmäßig,
bei Problemen eher pragmatisch. Der Papa war eher für das Emotionale
zuständig, bei ihm hat man sich ausgeheult und über das geredet,
was einen beschäftigt hat.
Hannah: Emotional
waren beide. Ich bin halt mehr zur Mama, der Papa war strenger.
Anna: Das war bei
uns umgekehrt. Der etwas strengere Teil war die Mama. Der Papa hat eher
gelacht, als ich mit dem ersten Rausch nach Haus gekommen bin.
y: Kennt ihr Freundinnen
und Freunde, bei denen es ebenso war?
Anna: Ich müsste da länger überlegen …
Hannah: Von der Familie
her schon. Meine Onkel sind schon so. Im Freundeskreis aber ist es aber
der Papa, der heimkommt und das Essen auf den Tisch kriegt und die Mutter
ist schön angezogen, damit er glücklich ist.
y: Was habt ihr mitbekommen,
was andere nicht haben?
Hannah: Wenn ich mit einer Freundin rede, haben wir eine ganz andere Sicht
vom Mann. Meine Mutter hat mich so erzogen und gesagt, dass ich immer
mein eigenes Geld verdienen soll und nicht abhängig von einem Mann
sein soll. Meine Freundin hat eine viel strengere Sicht: „Die Frau hat
ihre Aufgaben und der Mann auch. Das ist halt so.“ Ich sehe das anders,
der Mann ist auch zuständig,
y: Gehen traditionelle
Rollenbilder eher von den Burschen oder von den Frauen aus?
Hannah: Ich schätze einmal, wenn die Frau ihren Mann immer so verwöhnt,
da ist der Mann froh drüber und wird sich nicht aufregen darüber.
Anna: Sie werden sicher
von beiden Aufrecht erhalten. Von meinem Freundeskreis her hab’ ich momentan
den Eindruck, geht das jetzt mehr von den Frauen aus. Ich hätte fast
eher den Eindruck, die Burschen können sich schon vorstellen, zu
Hause bei den Kindern zu bleiben. Manchmal kommt von den Frauen, dass
sie schon gern ihre Selbständigkeit und ihre finanzielle Unabhängigkeit
bewahren wollen. Dann kommen eine gewisse Resignation und die Erkenntnis,
dass sie zum Schluss doch weniger verdienen und im System gefangen sind.
Es ist noch nicht so leicht, diese Dinge zu vereinbaren. Es ist nicht
die komplette Offenheit von den Frauen da. Sie können sich aber auch
nicht so wirklich auf die neuen Zuständigkeiten und Verantwortungen
der Männer verlassen.
y: Wie ist euer eigenes
Bild von Männern?
Anna: Ich erwarte mir im Gegensatz zum traditionellen Bild mehr, dass
der Mann auch ganz andere Qualitäten hat: Der kann fürsorglich
sein, der kann liebevoll mit seinen Mitmenschen und Kindern umgehen und
genauso unangenehme Hausarbeit übernehmen, die einfach neben dem
Job anfällt. Es fällt total auf, dass das immer noch etwas Besonderes
ist. Das ist schade. Das sollte alles ein bisschen selbstverständlicher
sein.
Hannah: Ja, man erwartet
schon mehr. Wenn ein junger Mann sagt, dass er gern kocht oder die Wäsche
wäscht, so ist das etwas Besonderes, obwohl ich es von zu Hause kenne.
Es ist wunderbar, wenn ein Mann so etwas sagt, aber es ist nicht selbstverständlich.
y: Wie war es denn
mit dem Loslassen von zu Hause?
Anna: Da sind wir noch dabei. Das ging von der Mama leichter.
Hannah: Bei mir auch.
Anna: Es war eigentlich
immer so, dass er sagte: Ja mach deinen Weg, zieh aus. Passt. Aber jetzt
ist dieses Loskommen irgendwie noch nicht ganz durch, dass ich seine Sicherheit
hätte.
Hannah: Da hab ich
auch noch einen langen Weg vor mir. Die Mama hat schon gesagt, wie ich
mit 17 nach Wien gezogen bin: „Du gehst jetzt deinen Weg.“ Der Papa redet
schon noch drein. Der Papa hat noch nicht losgelassen. Auch wenn ich jetzt
nach Hamburg gehe, der schafft’s noch nicht.
y: Kann das daran
liegen, dass die Töchter trotz aller Aufgeschlossenheit doch die
Prinzessinnen sind? Die Buben sind die Krieger, die schickt man raus,
die Welt zu erobern.
Hannah: Zu meinem
Bruder hat mein Papa auch eine andere Beziehung. Früher haben wir
im Bildungshaus in St. Michael Vater-Tochter-Wochenenden organisiert.
Das war leider selten besucht. Aber die Vater-Sohn-Wochenenden waren überlaufen.
Für Väter mit Töchtern gibt’s nicht so viel Angebote.
Interview: Markus
Himmelbauer
Hannah Wechner (19) aus Innsbruck, studiert Kunsttherapie in Hamburg.
Anna Kromer
(25) ist in Grafikerin in Wien und studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft.
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Soziale Gerechtigkeit ist die Umsetzung der Menschenwürde
Interview mit Dr. Heinrich Neisser
Heinrich Neisser.
„Gerechtigkeit konkret“ ist das Jahresthema der Katholischen Männerbewegung.
Was dies mit konkreter Politik zu tun hat, erklärt der ehemalige
zweite Nationalratspräsident und Politikwissenschaftler im ypsion-Interview.
y: „Soziale Gerechtigkeit“ ist ein Schlagwort der Politik. Was versteht
man darunter, wenn man abseits von Wahlkampfzeiten etwas mehr darüber
nachdenkt?
Neisser: Der Begriff der sozialen Sicherheit ist für die Politik
deshalb wichtig, weil er für die Aufforderung zum sozialen Engagement
auf der einen Seite steht, und auf der anderen Seite aber auch, weil es
Aufgabe der Politik ist, natürlich auch für ein bestimmtes Maß
an sozialer Gerechtigkeit zu sorgen. Ich würde zwei Dimensionen besonders
hervorheben: Zum Einen ist es die Aufgabe, politische Inhalte so zu gestalten,
dass in einer Gesellschaft ein hoher Standard an sozialer Gleichheit,
an Chancengleichheit, existiert. Die zweite Dimension ist, dass soziale
Gerechtigkeit auch eine Aufforderung an den Einzelnen ist, sich sozial
zu engagieren, d.h. es ist die zivilgesellschaftliche Seite.
y: Im Wahlkampf kommt
es bisweilen zu einer „Robin Hood-Mentalität“, der Kämpfer für
Gerechtigkeit.
Neisser: Gerade in Wahlkämpfen ist der Begriff der Gerechtigkeit
ein durchaus alltäglicher Begriff, aber es versteht eigentlich jeder
etwas Anderes darunter. Auf der Sachebene kommt man nicht weiter. Ich
würde das ganze System der sozialstaatlichen Leistungen, das ja im
Wesentlichen ein bürokratisches Problem ist, als geistigen Oberbau
unter den Begriff der Menschenwürde stellen. Ich glaube, das zentrale
Anliegen jeder Form von sozialer Gerechtigkeit ist die Umsetzung der Menschenwürde,
d.h. den Menschen eine soziale Existenz in einem bestimmten Rahmen zu
geben. Mir ist schon bewusst, dass der Begriff der Menschenwürde
auch schwer zu definieren ist.
y: Was würden
Sie konkret als Herausforderungen des Sozialstaats bezeichnen?
Neisser: Das Thema einer Mindestsicherung, eines Existenzminimums ist
völlig legitim. Es geht darum, ein Steuersystem zu schaffen, das
soziale Disparitäten und die soziale Kluft nicht vergrößert,
sondern eher verkleinert, etwas abfedert und mindert. Es geht vor allem
um die Schaffung eines Bildungssystems, in dem wirklich eine Chancengleichheit
besteht, weil das heute der Kern für die Zukunft ist. Es geht natürlich
auch um alle jene Politikfelder, wo der Generationenvertrag eine entscheidende
Rolle spielt, im Wesentlichen das Pensionssystem.
y: Wie sehen Sie das
Verhältnis des bürokratischen Sozialstaat zum zivilgesellschaftlichen
Einsatz des Einzelnen?
Neisser: Die entscheidenden Impulse und die Orientierungen müssen
durch die Politik herbeigeführt werden. Das ist gar keine Frage.
Ich glaube nur, dass der Einzelne ein besonderes Rollenverständnis
und ein besonderes Verantwortungsbewusstsein haben muss. Wenn der Einzelne
sich nur als Leistungsempfänger sieht, der seine Pfründe erhält,
ist das zu wenig. Man muss wissen, dass das ein System ist, bei dem alle
mitwirken und letztlich auch ihre Chancen einsetzen müssen, um zu
einem allgemeinen Wohlstand zu kommen.
y: Würden Sie
das durchschnittliche Arbeitslosengeld oder die Sozialhilfe tatsächlich
als „Pfründe“ bezeichnen?
Neisser: Ich verwende das Wort „Pfründe“ für das Bewusstsein
dessen, der die Leistung erhält. Vom Wesen her sind soziale Leistungen
weder eine Pfründe noch ein Gnadenerweis des Staates, weil es in
einem Sozialstaat selbstverständlich ist, dass der Staat diese Rolle
übernimmt. Die EU hat eine Grundrechte-Charta, in der erstmals soziale
Grundrechte verankert sind. Da kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass
Grundrechte nicht nur die Freiheit des Einzelnen sichern, wie es im klassischen
Verständnis war, sondern er braucht auch eine soziale Existenz. Daher
sind die sozialen Grundrechte das Pendant dazu. Ich glaube, dass ein Arbeitsloser
sich legitimerweise bemühen muss, den Großteil seines Lebens
arbeitend zu verbringen. Es ist eine andere Frage, ob das möglich
ist.
y: Ich sehe hier noch
einen Mitspieler: die öffentliche Meinung, der Boulevard, der Stimmung
macht.
Neisser: Das ist eine zum Teil peinliche Rolle der Medien, wenn sie Schiedsrichter
in Fragen der sozialen Gerechtigkeit sind, die diese Klischees hervorrufen,
wie des „Abzockers“, des Parasiten öffentlicher Leistungen, usw.
Damit lässt sich eine Emotionalisierung des Themas herbeiführen,
die vom Inhalt völlig ungerecht ist.
y: Im weltweiten Kontext:
Wie würden Sie das Ziel einer gerechten Weltordnung definieren?
Neisser: Ich glaube, es ist sehr schwer, ethische Fragen weltweit zu vereinheitlichen.
Ethik wird aus einer Kultur heraus geboren und wir haben eine kulturelle
Vielfalt, die wir gar nicht aufgeben wollen. Entwicklungspolitik kann
versuchen, in einem unglaublich vernetzten System durch Kontakte und Kommunikation
soziale Verantwortung zu stimulieren und auch soziale Leistungen in eine
Welt der Armut hineinzubringen. Im internationalen Bereich gibt es Möglichkeiten,
dass man sich wirklich engagiert, auch unter Rücksichtnahme auf den
Partner und seine soziokulturelle und sozioökonomische Eigenheit.
Ich will nicht sagen, die staatliche Entwicklungspolitik ist überflüssig:
Auf der Ebene der Diplomatie und der internationalen Beziehungen spielen
Regierungen und Parlamente eine entscheidende Rolle und sie sollen auch
motivieren. Das entwicklungspolitische Salz kommt aber eigentlich von
woanders.
Interview geführt
von Dr.Markus Himmelbauer
Von der Kunst, älter
zu werden
von
Hanns Sauter
Erfolgreich altern.
Klingt das nicht paradox? Bei „erfolgreich“ denkt Mann an Leistungsfähigkeit,
Gesundheit und Vitalität, bei „altern“ an schwindende Kräfte,
Rückzug, Verluste. Bedeutet „erfolgreich altern“, dass alles, was
wir am Altwerden nicht schätzen, umso schneller eintrifft?
Oder heißt es,
so lange wie möglich die negativen Seiten des Alters hinauszuschieben?
Dies scheint zumindest die Position der Pharma-, Ernährungs- und
Wellnessindustrie zu sein sowie aller über 50-Jährigen, die
dazu beitragen, dass diese boomt. Und überhaupt: Wann beginnt das
Altern? Genau genommen, mit dem ersten Lebenstag. Das bedenkt der Mann
(und auch die Frau) in der Regel nicht, und der Gedanke, dass „Altern“
eine andere Bezeichnung für „Leben“ sein könnte, klingt zumindest
ungewohnt.
Lebensqualität
Für viele bedeutet
der Eintritt in den Ruhestand weder den Beginn des Alters noch das Ende
des aktiven Lebens, sondern, nun die „besten Jahre“ erreicht zu haben.
Gesundheitsprobleme hat Mann dank der modernen Medizin im Griff, existenzielle
Sorgen halten sich in Grenzen. Insofern sind die heutigen Senioren sicher
„erfolgreich“. Einer aktiven Lebensgestaltung steht kaum etwas im Wege.
Immer stärker wird die nachberufliche Zeit „gerade jetzt“ als Möglichkeit
neuer, selbst gewählter Verpflichtungen verstanden, die nicht nur
der Allgemeinheit nützen, sondern wesentlich zur eigenen Lebenszufriedenheit
beitragen.
Stellt Mann der Wissenschaft die Frage, was sie denn unter „erfolgreich
altern“ verstehe, antwortet diese: „hinreichende Lebensqualität“
– und versteht darunter objektiv Messbares wie Einkommen, Gesundheit,
Wohnen, Sozialkontakte, aber auch ein „subjektives Wohlbefinden“. Damit
meint sie die Zufriedenheit mit der individuellen Lebenssituation, die
bekanntlich sehr unterschiedlich sein kann. Was für den Einen Glück,
Zufriedenheit oder Wohlergehen bedeutet, bedeutet es für den Anderen
noch lange nicht. Zweifellos ist gute Gesundheit ein wichtiger Faktor,
doch auch hier gibt es neben dem vom Arzt festgestellen „objektiven“ Gesundheitszustand
auch den „subjektiven“, das eigene Gefühl, gesund zu sein. Dieses
ist für die Einschätzung, ob sich Mann als vital oder leistungsfähig
betrachtet viel stärker bestimmend als die ärztliche Diagnose.
Die andere Seite des
Lebens
Eine Vielzahl von
Faktoren bestimmt erfolgreiches Altern. Männer haben hier einen anderen
Zugang als Frauen, zudem gibt es kein allgemein anwendbares Messinstrument.
Zu den Werten, die das Älterwerden erfolgreich machen, gehören
nicht nur materielle, sondern wesentlich auch geistige. Hier haben manche
Männer ein Problem: „Glauben, Religion? Naja, ich bin zwar katholisch…Vielleicht
lehrt mich einmal die Not beten, aber noch bin ich selbst der Mann!“ Mann
schaut gerne auf seine Kraft, sein Können, seinen Verdienst. Doch
ungewollt und unbemerkt überfordert er sich mit diesem Glauben an
sich selbst. Dann fällt es ihm einmal schwer, etwas zu akzeptieren,
was er nicht beeinflussen kann, oder einzusehen, dass es etwas gibt, was
seine Kraft übersteigt. Wer sich den Glauben an sich selbst ständig
beweisen muss, verliert den Blick für andere Seiten des Lebens.
Das Älterwerden macht vieles entbehrlich, was die eigene Größe
und Stärke bewiesen hat. Doch wenn Dinge, die für den Mann von
großem Wert waren, wegfallen, und wenn ihm nicht mehr klar ist,
was nun von Wert ist, gerät die Lebensordnung durcheinander. „Erfolgreich
älter werden“ heißt dann, die Rangfolge der Wertigkeiten ordnen.
Die innere Ruhe, die manche ältere Menschen ausstrahlen, kommt daher,
dass sie Klarheit darüber gefunden haben, welche Prioritäten
sie setzen wollen. Reichtümer wie Besitz, Fertigkeiten, Wissen, Bildung,
Ansehen, Gesundheit, Attraktivität verlieren sich. Sich daran festzuhalten,
führt zu Unrast. Auf der Suche nach neuen Prioritäten hilft
die Frage weiter: „Was führt mich zu Glück und Freude?“ Das
können ganz andere Dinge sein als die gewohnten, und diese erweitern
die Fragestellung in: „Was führt mich zu dem, der Freude und Glück
ist?“ Diese Frage ist im Laufe eines Männerlebens oft untergegangen.
Nun möchte sie beantwortet werden. So gehört zum erfolgreichen
Älterwerden, zu dem Gott zu finden, der mich trägt und der mich
von vielen Dingen befreit.
Männer, die sich von Gott getragen wissen, handeln deshalb nicht
kraftlos, sondern genau mit der Kraft, die aus diesem Glauben kommt. Dann
mag es sein, dass ein Jüngerer zu einem Älteren sagt: „Wenn
ich einmal alt bin, möchte ich auch so sein wie du!“ Gibt es ein
liebenswürdigeres Zeugnis, erfolgreich älter geworden zu sein?
Hanns Sauter.
Der Autor ist seit 1982 im Fachbereich Seniorenpastoral der Erzdiözese
Wien tätig.
Erwerbsarbeit
im Umbruch
Univ.Prof.
Dr. Emmerich Tálos
Der flexible Mensch.
Die sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft unterliegen einem merkbaren
Wandel. Der flexible Mensch wird propagiert und auf allen Ebenen eingefordert.
Dies gilt auch für den Bereich der Erwerbsarbeit.
Ausdruck dafür ist unter anderem die zunehmende Verbreitung neuer
Beschäftigungsformen. Diese weichen vom „Normalarbeitsverhältnis“
ab, das das 20. Jahrhundert prägte. Darunter wird eine vollzeitige,
dauerhafte Beschäftigung mit geregelter Arbeitszeit und sozialer
Absicherung verstanden. Die Abweichungen von dieser, in erster Linie für
Männer geltenden Beschäftigungsform, zeigen sich an Teilzeitbeschäftigung,
Leiharbeit, befristeter oder geringfügiger Beschäftigung, Arbeit
auf Abruf sowie so genannter scheinselbständiger Beschäftigung.
Neue Beschäftigungsformen
Mit diesen Beschäftigungsformen sind Chancen wie Risiken verbunden.
Die Chancen für Unternehmen bestehen in der Vergrößerung
des Spielraums für Anpassungen von Personal und Personalumfang, bestehen
in Kostenvorteilen. Für Beschäftigte können derartige Arbeitsformen
eine Alternative zu Erwerbslosigkeit, die Realisierung von mehr, vor allem
auch zeitlicher Selbstbestimmung und eine bessere Vereinbarkeit von familiärer
und beruflicher Arbeit bedeuten.
Die Risken sind beträchtlich und nicht zu übersehen: Atypische
Beschäftigungsformen bedeuten vielfach niedriges und diskontinuierliches
Einkommen, weniger qualifizierte Tätigkeiten, schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten,
größere Instabilität des Arbeitsverhältnisses. Nicht
zuletzt resultiert daraus oft eine eingeschränkte und zum Teil nicht
ausreichende sozialstaatliche Absicherung. Was wir heute noch als atypisch
bezeichnen, wird typisch für die Erwerbsarbeit der Zukunft sein.
Armut trotz Erwerbsarbeit
Lange Zeit wurde Armut mit Verelendung im 19. Jahrhundert oder in der
Wirtschaftskrise der 1930er Jahre assoziiert. In jüngerer Zeit wurden
darunter vor allem die Lebensbedingungen in Entwicklungsländern verstanden.
Seit einigen Jahren ist Armut selbst in reichen Gesellschaften zum Thema
und zur Realität geworden. Armut heißt hier nicht absolute
physische und soziale Verelendung, heißt nicht Infragestellung des
Überlebens. Sie bedeutet allerdings Unterversorgung bzw. beträchtlich
eingeschränkte materielle und soziale Teilhabechancen – in Relation
zu den materiellen und sozialen Standards. Armut zeigt sich im Einkommens-
und Bildungsmangel, in einem größeren Krankheitsrisiko, in
der Notlage, sich notwendige Reparaturen nicht leisten zu können.
Betroffen davon sind keineswegs nur Menschen, die aus unterschiedlichen
Gründen keinen Zugang zu Erwerbsarbeit haben. Der letzte Armutsbericht
verdeutlicht dies: „Insgesamt rund 228.000 erwerbstätige Personen
im Erwerbsalter sind armutsgefährdet.“ Ihr Einkommen reicht nicht
aus, um die Armutsgefährdung für sich und ihre Familien abzuwenden.
Chancen und Risiken
ungleich verteilt
Erwerbslosigkeit prägte die letzten Jahrzehnte. Bedingt durch die
einschneidende Wirtschaftskrise wird sie zukünftig noch mehr Menschen
betreffen. Flexibilisierung meinte vorerst positiv veränderte Bedingungen
für unselbständig Beschäftigte. Doch wurde der Begriff
mittlerweile zu einem Charakteristikum der Erwerbsarbeitswelt, nämlich
vor allem der Verfügbarkeit der Beschäftigten für das Unternehmen.
Die Anforderungen an Beschäftigte steigen. Die Übergänge
in einer flexiblen Arbeitswelt von Job zu Job finden nicht nur häufiger
statt. Sie sind oft für die davon Betroffenen mit Brüchen und
damit auch mit Einkommensausfällen verbunden. Jene Menschen, die
in einer Welt geforderter rascher Anpassung, Flexibilität und Mobilität
nicht mitkommen können, werden mit beträchtlichen materiellen
und sozialen Problemen konfrontiert.
Mindestsicherung
In dieser Situation bedarf es verschiedener Schritte: reichend von einem
Ausbau der Arbeitsmarktpolitik, der Verbesserung der Zugänge zu Qualifikation
bis hin zur Einführung einer Mindestsicherung. Letztere wird zu einer
unumgänglichen Voraussetzung für die Sicherung von Teilhabechancen.
Für junge Menschen ist nicht nur wichtig, ob und in welcher Höhe
sie einmal eine Pension bekommen werden. Sie benötigen eine materielle
Absicherung gerade auch wegen der veränderten Erwerbsarbeitsbiographie.
Flexicurity meint die soziale Abfederung und Absicherung unter den Bedingungen
einer zunehmend flexibilisierten Welt. Flexicurity sollte kein Schlagwort
bleiben. Der nach 1945 breit ausgebaute Sozialstaat bedarf der Anpassung.
Seine Leistungen sind heute und zukünftig notwendiger denn je.
Emmerich Tálos. Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Universität
Wien.
Nullwachstumsökonomie
Univ. Prof. Dr. Ulrich Duchrow
Eine Wirtschaft, die ökologisches Gleichgewicht und soziale Gerechtigkeit
bringt
Es ist nicht überraschend,
dass es eine Finanzkrise gibt. Überraschend ist, dass sie
erst jetzt ausbricht. Der Club of Rome sagte sie 1972 in ihrer Studie
„Grenzen des Wachstums” bereits für 2000 voraus. Hinter ihr steht
nämlich die Krise des kapitalistischen Systems. Ein wirtschaftliches
Modell, das auf grenzenlosem Wachstum aufbaut, benötigt grenzenlose
Ressourcen.
Kapital ist Geld,
das man investiert, um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen.
Daraus entsteht das rationale Kalkül, die natürlichen Ressourcen
möglichst frei zu nutzen, so wenige arbeitende Personen wie möglich
einzustellen und Arbeitslöhne zu senken. Dies ist der Grund für
die Tendenz des Kapitals, die Quellen des Reichtums – Natur und Arbeitskräfte
die arbeitenden Menschen – zu zerstören. Nach der Weltwirtschaftskrise
1929 konnte die Arbeiterbewegung eine Zähmung des Kapitalismus erreichen.
Daraus entstand die „New Deal- Politik“ in den USA und nach dem Krieg
die „soziale Marktwirtschaft“ in Europa. Als sich aber seit den 1960er
Jahren das Kapital globalisierte und so den nationalen Regulierungen auswich,
führten die G7 Länder die neoliberale Politik ein. Die Folge:
Spaltung der Bevölkerungen in Armgemachte und sich Bereichernde im
Norden und im
Süden, Lohndrückerei, Massenerwerbslosigkeit, Senkung der Sozialleistungen
und ökologische Zerstörung. Dadurch wurde auch die Kaufkraft
der Massen geschwächt, was wiederum zur Überproduktion beitrug.
Zurück zur öffentlichen
Kontrolle
Wegen der so abnehmenden Profite in der Realwirtschaft schufen die Kapitaleigner
Finanzblasen durch Spekulation, um durch Derivate die Rendite zu erhöhen.
So entstand der Kasino-Kapitalismus ohne Basis in der Realwirtschaft mit
Gewinnen über 25%. Dieses System musste zusammenbrechen.
Nun kann der Markt, der Gott der Neoliberalen, nicht mehr helfen und die
Spekulanten schreien nach dem schon zuvor instrumentalisierten Staat.
Aber was sie wollen, ist ihre Auslösung durch die Steuerzahler, nachdem
sie die Gewinne privatisiert haben. Inzwischen werden die Staaten vorsichtiger
und gehen zu Teilverstaatlichungen über, damit Gewinne in den öffentlichen
Haushalt zurückfließen können. So ist ein Anfang gemacht,
den Neoliberalismus zu überwinden und die Wirtschaft unter öffentliche
Kontrolle zu bringen.
Anders Wirtschaften
Aber dies ist nicht genug. Nötig ist ein ganz neues Modell für
die Wirtschaft. Aber wie sollen wir eine neue Vision in die Tat umsetzen?
Wir brauchen eine vielfältige Strategie, wie sie Kairos Europa –
ein zivilgesellschaftliches Netzwerk von sozialen und politischen Initiativen
– über mehr als 15 Jahre entwickelt hat.
Alle Menschen guten Willens können beginnen, lokal und regional zu
wirtschaften, in Harmonie mit Gottes guten und ausreichenden Gaben der
Natur. Anfänge einer kooperativen, sozial-solidarischen und ökologischen
Wirtschaft bestehen bereits weltweit. Gleichzeitig müssen Bündnisse
gebildet werden, um politische Maßnahmen durchzusetzen wie:
• Bindung von staatlichen Interventionen an soziale und ökologische
Kriterien – so kann
mittel- und langfristig das Wirtschaften unter öffentliche Kontrolle
und Regulierung für das
gemeinsame Wohl gebracht werden;
• Grundversorgung der Bevölkerung mit öffentlichen Gütern
und Diensten (Wasser, Energie,
Bildung usw.) – gegen weitere Privatisierungen;
• Entwicklung einer zyklischen Wirtschaft, in der Ressourcen regeneriert
werden;
• Langfristige Überwindung der kapitalistischen Wachstumswirtschaft
für die Kapitaleigner
durch eine Nullwachstumsökonomie, die das ökologische Gleichgewicht
und soziale
Gerechtigkeit als politisch belohntes Hauptziel verfolgt –eine Demokratisierung
der Wirtschaft.
Ein Beitrag zum Frieden
Hinter der Finanzkrise steht die Systemkrise, deutlich sichtbar durch
die ökologische Krise. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt, besonders
Öl als Grundlage der kapitalistischen Industrialisierung.
Aber auch landwirtschaftliche Flächen für die Ernährung
sind knapp, weil sie durch Agrosprit-
Produktion dezimiert werden. Die gegenwärtige Krise ist für
die Menschheit ein
„Kairos“. Dieses Wort der griechischen Mythologie bezeichnet einen „entscheidenden
und zur
Entscheidung rufenden Augenblick“. Heute ist es Zeit, vom Tod zum Leben
umzukehren. Zurzeit erweitern die westlichen Mächte die Grenzen ihres
eigenen Wachstums durch imperiale Kriege wie in Afghanistan und im Irak,
durch die Bewaffnung Georgiens, durch die Unterstützung von faschistischen
Regimes wie in Kolumbien und den Philippinen. Wer für einen Paradigmenwechsel
im Wirtschaftlichen arbeitet, arbeitet also auch für den Frieden.
Der Autor ist Professor
für systematische Theologie an der Universität Heidelberg und
Motor des NGO-Netzwerks Kairos Europa.
Mag. Hans Schwarzbauer-Haupt
Migration fordert
heraus
Es gibt nicht den
Ausländer, genauso wenig wie es die typische Inländerin gibt.
Immer geht es um konkrete Menschen, die ein Bündel von Motiven für
ihr Handeln haben. Meine Erfahrungen aus 11 Jahren Flüchtlingsarbeit
und MigrantInnenbetreuung zeigen dies deutlich. Worum geht es?
Es ist ein grundlegender Unterschied zwischen ‚freiwilliger' und ‚erzwungener'
Migration, zwischen Einwanderung und Flucht. Allerdings beschränkt
sich die "Freiwilligkeit" der Wirtschafts- oder Armutsmigration
oft auf die Einsicht in die Notwendigkeit bzw. auf ein Nachgeben gegenüber
drängenden Umständen.
Diese Unterscheidung
fand ihren Niederschlag in der Genfer Flüchtlingskonvention. Jene/r
hat Anrecht auf Schutz, "wer wohlbegründete Furcht vor Verfolgung
aus Gründen der Rasse, der Religion, der Nationalität, der Zugehörigkeit
zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder aufgrund politischer Überzeugung"
glaubhaft machen kann, sich außerhalb seines Herkunftsstaates aufhält
und nicht in der Lage oder gewillt ist, sich dessen Schutz zu unterstellen
oder dorthin zurückzugehen. Diese Definition aus der Zeit des Kalten
Krieges ist zwar unzureichend, z.B. werden Bürgerkriege, ethnische
Säuberungen, Krieg , Hunger oder Umweltkatastrophen nicht bzw. nur
indirekt
als Fluchtgründe anerkannt. Diese Unterscheidung
aber aufzugeben oder gar die Flüchtlingskonven-
tion für überholt zu erklären, wäre ein Rückschritt
zum Nachteil der Hilfesuchenden. Denn: Flüchtlinge sind gezwungen,
ihr Land zu verlassen. Sie müssen sich in Sicherheit bringen und
haben Anspruch auf Schutz vor Verfolgung.
Asylsuchende
in Österreich haben es schwer: Manche kommen in Schubhaft, Andere
erwartet trotz Mittellosigkeit ein Leben auf der Straße, weil sie
nicht in die Bundesbetreuung aufgenommen werden. Der Druck auf Hilfsorganisationen,
diese Asylwerber existenzsichernd unterzubringen, nimmt zu. Eine staatliche
Existenzsicherung für die Dauer des Asylverfahrens ist unumgänglich.
Flucht, Vertreibung,
Wanderung sind Tatsachen.
Niemand verlässt die Heimat, sein Zuhause ohne Grund. Doch wie ist
das weitere Schicksal dieser Menschen? Wenn sie z.B. in Österreich
ankommen, kommt für viele die bittere Erkenntnis: Aufgegriffen von
der Fremdenpolizei müssen sie - oft in Schubhaft - feststellen, dass
ihnen die Abschiebung in ihr "Heimatland" droht, in dem ihnen
Folter, Verfolgung und Tod drohen oder sie vor dem Nichts stehen, weil
sie alles aufgaben um die Ausreise zu finanzieren.
Viele Fragen beschäftigen mich: Wie groß muss die Hoffnungslosigkeit
und Verzweiflung sein, dass Menschen ihre Heimat, ja alles aufgeben, ihr
Leben riskieren und das erforderliche Geld auftreiben, damit sie z.B.
nach Österreich gelangen können? Welche Hoffnungen verbinden
sie mit einem Leben im ‚Westen' bzw. ‚Norden'? Welche Enttäuschungen
warten auf sie?
Wie verhält sich der/die MigrantIn in der Fremde? Wie wird er/sie
aufgenommen? Was verändert sich für die "Eingeborenen"?
Welche Aufstiegschancen haben Flüchtlinge oder ihre Kinder? Die Meisten
müssen ‚unten' anfangen. Von Untersuchungen wissen wir, dass es gerade
MigrantInnen sehr schwer gemacht wird, ihre gesellschaftliche, soziale
und finanzielle Situation zu verbessern. Es gibt gesetzliche und strukturelle
Ausgrenzungen, Benachteiligungen, fehlende Teilhabemöglichkeiten
und Diskriminierungen. Politik und Gesellschaft sind gefordert. Integration
fördert sozialen Frieden. Integration bedeutet Eingliederung, nicht
Ausgrenzung oder Angleichung unter Aufgabe der eigenen Identität.
Daher ist Wachsamkeit angebracht, damit nicht mit dem Wort Etikettenschwindel
betrieben wird.
Mag. Hans Schwarzbauer-Haupt ist Leiter
der Flüchtlings- und Gastarbeiterberatung der Caritas der Diözese
Linz
^
Klemens Hafner-Hanner
Chancengleichheit für Väter!
Vater werden ist nicht
schwer (der Mann als Erzeuger), Vater sein dagegen sehr (der Mann als
Ernährer, Beschützer, Erzieher, Identifikationsobjekt und Freizeitpartner)
- oder doch nicht, reicht es, nur Geld anzuschaffen? Unlängst sprach
ich in Sachen Haushalt und Kindererziehung mit einem EDV-Experten. Betroffen
machte mich seine Aussage: "Solange ich genug Geld verdiene, ist
das kein Problem".
"Überall, in jeder bekannten menschlichen Gesellschaft, lernt
der junge Mann, dass eins der Dinge, die er, wenn er heranwächst,
tun muss, um ein volles Mitglied der Gesellschaft zu werden, ist, Nahrung
für eine Frau und ihr Kind herbeizuschaffen.". So 1955 die Kulturanthropologin
Margaret Mead, die Jahre später bei ihren Forschungen an Stämmen
in Neuguinea herausfand, dass dort die Rollen von Mann und Frau fast genau
umgekehrt definiert sind wie in europäischen Gesellschaften. Daraus
zog sie den Schluss, "dass die Prägung der Geschlechtsrollen
gesellschaftlich bestimmt ist".
Mittlerweile wissen
wir, dass Männer dieselben biologischen Voraussetzungen für
eine liebevolle und kompetente Eltern-Kind-Beziehung haben wie Frauen.
Bedeutet Chancengleichheit, dass Männer zusätzlich zur Erwerbsarbeit
auch noch eine liebevolle Vater-Kind-Beziehung aufbauen, den Haushalt
schupfen, der Partnerin ein zärtlicher Partner sind? Das Logo der
Männertagung in Puchberg war eine Batterie. Ziemlich passend finde
ich, denn sie ist nur so lange gut, als sie "Saft" hat. Liefert
sie keinen Strom, wird sie weggeworfen. Eine zutiefst männliche Angst
- oder?
Ich habe volle Leistung zu bringen, wenn nicht, bin ich zum Wegwerfen
gerade gut genug. Aber zum Glück gibt es Akkus - die brauchen zwar
Zeit und Power um wieder aufgeladen zu werden, aber auf die Dauer gesehen,
ist es günstiger - auch für die Umwelt.
Chancengleichheit
bedeutet für mich nicht mehr zu leisten und mehr zu arbeiten, sondern
auf der Geschlechterwaage Teile der einen Seite auf die andere
zu verlagern und dafür Teile von der anderen zu
erhalten - im Idealfall hält es sich die Waage. Bisher hauptsächlich
von Frauen dominierte Bereiche für sich zu entdecken wirkt noch viel
weiter.
Ich bin überzeugt, dass unsere Bedeutung als Mann für die kindliche
Entwicklung wichtig ist. Väter haben eine Auswirkung auf die Geschlechtsrollenentwicklung
sowie die kognitive Entwicklung. Dem Vorbild kommt eine immense Bedeutung
in der Erziehung zu. Auch Eltern sind Menschen und von perfekt weit entfernt
- aber wie sollten Kinder sonst lernen, mit Fehlern umzugehen ...
Die vor Jahrzehnten durch emanzipatorische Frauenaktivitäten und
unter der Fahne des Feminismus initiierte Änderung im Rollenverständnis
löste auch Unsicherheiten und Ängste aus. Auf Männer- wie
auch auf Frauenseite. Wird meine Rolle als Mann (oder als Frau) hinterfragt,
so bedeutet das auch ein Hinterfragen der eigenen Person - und wer stellt
sich schon gerne selbst in Frage?
Was dabei oft übersehen wird, ist, dass Veränderung auch eine
Chance bedeuten kann. Nützen wir die Chance!
Klemens Hafner-Hanner ist Organisationsreferent des Kath. Familienverband
OÖ.
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Rolf Sauer
Lebenshilfe für Männer
Geld gilt
Dem Herkunftswörterbuch verdanke ich den Hinweis: "Geld"
ist mit "gelten" verwandt, und wenn der Mesner bei der Tafelsammlung
"Vergelt's Gott" sagt, scheint dabei auch gleich das kultische
Element unseres Zahlungsmittels auf: Der Ursprung des Geldes liegt tatsächlich
in den Opfergaben, die "gültig" und echt waren.
Nun, daran denkt heute kein Mensch, wenn es ums Geldverdienen, Veranlagungen
und Gewinne geht. Was hat es auf sich mit der immensen Bedeutung von Geld
und Geldeswert, insbesondere für uns Männer?
Ich denke, es geht einmal um den starken Symbolwert: In einem bestimmten
Geldbetrag ist ein Wert kürzestmöglich zusammengefasst: Wer
etwa ein Haus um 5 Millionen kauft, gibt damit allen Leistungen, die der
Vorbesitzer, die Handwerker, diejenigen, die den Grund gepflegt haben,
denen die die Infrastruktur erschlossen haben und noch vielen mehr in
einer einzigen Handlung eine starke Anerkennung: Er setzt dagegen all
die Anstrengung, die er - und andere Mitfinanzierer - erbracht haben,
um die 5 Millionen zu erwirtschaften. "All das ist genau so viel
wert wie das was ihr getan habt." teilt der Käufer unausgesprochen
mit. Ein solcher Vorgang ist äußerst kraftvoll.
Steckt doch in der Summe Geldes die Anerkennung aller Ressourcen von Zeit,
Raum und Energie, die zu dem Kaufwert geführt haben. Dieser dichte
Symbolwert des Geldes, der noch dazu klar und für alle eindeutig
bestimmt ist (siehe Wechselkurse), hat etwas Übernatürliches
an sich.
Diese starke Prägnanz zieht Männer an - und wir müssen
das wohl als verhaltensgeschichtliches Vermächtnis aus grauer Vorzeit
nehmen, da die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern in der Horde
eindeutig war: Für die Pflege der Nachkommenschaft - und daher auch
für den guten Aufenthaltsort - waren die Frauen, für die Erbeutung
von Nahrung eben die Männer zuständig. Diese Muster haben sich
über die Zeiten des Tauschhandels und der aufkommenden Geldwirtschaft
bis heute erhalten und wir werden noch einige Generationen brauchen, bis
eine Erweiterung dieses Verhaltens ihren Niederschlag auch in den Genen
findet.
Was wir Männer tun können: Im Wissen, dass Anerkennung noch
viel besser angenommen wird, wenn wir sie auch mit Worten und Gesten geben:
Diese Form der Beziehungspflege als Bereicherung ansehen und pflegen.
Wir entdecken, dass Geben und Nehmen in Worten und Handlungen zwischen
Menschen, in Interaktion und Beziehungspflege zwar anders, aber eben so
mächtig ist, wie die lakonische Abkürzung "Geld".
Mag. Rolf Sauer; Leiter
der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz
^
Rolf Sauer
Kraftvoll Mann sein - mit Lust oder schlechtem Gewissen?
Machen wir uns nichts vor: wir Männer haben all zu lang
mit unseren körperlichen Stärken geprotzt, imponiert und sie
ausgenützt, um Schwächere, Frauen, Kinder zu beschämen,
auch zu unterdrücken und ihnen Gewalt anzutun. Diese Haltung hat
unsere Welt über Jahrhunderte geprägt. Es ist hoch an der Zeit,
das neue Jahrtausend mit einer kraftvollen Alternative zu eröffnen
zu dem, was im jetzt ausklingenden Jahrhundert in einem perversen Höhepunkt
gipfelte: Im Nationalsozialismus (dessen überzeugteste Vertreter
im großen und kleinen überdurchschnittlich viele Österreicher
waren) mit seiner Übermenschen-Ideologie hat sich der Hochmut der
geistlosen Kraftprotzerei so klar in die zerstörerische Sackgasse
verrannt, dass wir hier für alle weiteren Generationen ein abschreckendes
Beispiel besitzen.
Aber Achtung: daraus den Schluss ziehen, alle männliche Stärke
und Potenz sei mit dem Verdacht des Gewaltsamen zu belegen und Kampagnen
der Erziehung zu zögerlich-kraftlosen Burschen und Männern ableiten,
geht nicht nur am gewünschten Ziel vorbei, sondern würde (im
Erfolgsfall!) genau das erreichen, was damit vermieden werden soll: nämlich
Generationen von schwächlichen Adolf-Eichmann-Typen, die sich überangepasst
und liebedienerisch in den Dienst der herrschenden Kräfte stellen,
die ein solches Machtvakuum unzweifelhaft hervorbrächte.
Nein, es geht darum, die uns Männern von der Natur mitgegebenen Qualitäten
zu beachten und damit der Schöpfung entsprechend zu leben. Was heißt
das konkret:
1. zu sehen was ist - ohne abzuschwächen oder zu übertreiben,
2. sich der Herausforderung durch das Weibliche zu stellen und
3. so die männlichen Kräfte kreativ-aufbauend mit Lust in den
Dienst einer ganzheitlich-bunten Welt zu stellen.
Zum ersten: Wir Männer "funktionieren" in verschiedenen
körperlichen und seelischen Bereichen anders als Frauen: Sprintstärke,
punktuelle Konzentration, räumliche Orientierung, Aushalten von starken
Zug- und Druckkräften, auch erhöhter Kalorien- und Proteinbedarf
weisen auf Tüchtigkeiten wie Mut, Großherzigkeit, Gerechtigkeit
und Solidarisches Handeln hin. Dazu können wir in Würde stehen
und sie pflegen.
Punkt Zwei und Drei meinen die Integration der weiblichen Seite in uns
Männern genau so wie die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Frauen
in Familie, Beruf und Gesellschaft (auch Kirche!). "Männliche"
Qualitäten gedeihen am sinnvollsten in Ergänzung mit den "weiblichen":
So können etwa Kraft und Sanftmut eine schöne, spielend-tänzerische
Zärtlichkeit ergeben.
Das gesellschaftlich schönste Beispiel einer solch gelungenen Integration
ist m.E. die Gewaltfreie Aktion, die viel mit power, nichts mit violence
zu tun hat: Gandhi hat - in Verbindung mit dem Göttlichen - die Kräfte
seiner Landsleute zu bündeln und so die notwendige Veränderung
herbeizuführen vermocht.
Mag. Rolf Sauer; Leiter
der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz
^
Rolf Sauer
Männer - sprachlos?
In einer Männergruppe mit lauter Profis aus dem Beratungsbereich
hatte ich folgendes Erlebnis: Wir hatten am Beginn die Aufgabe, einander
vorzustellen: schließlich wollten wir zusammen eine intensive Werkwoche
gestalten und kannten uns bis dahin noch nicht. Also sagte jeder im Kreis
einige persönliche und berufliche Daten und was ihn zur Teilnahme
an jener Woche bewegt hatte. Als nach einer Stunde der Trainer zurück
kam, der uns dafür allein gelassen hatte, kamen wir darauf, was wir
vermieden:
1. Wir sind einer intimeren Begegnung ausgewichen, die Zweier- oder Dreiergespräche
gebracht hätten und haben statt dessen immer nur in der Gesamtgruppe
(12 Personen) gesprochen.
2. Wir haben nicht nachgefragt, wenn es persönlicher wurde: So berichtete
ein Kollege beiläufig von seiner zweiten Frau. In der Gruppenreflexion
entdeckten wir, dass jeder von uns gern gewusst hätte, ob seine erste
Frau gestorben oder seine erste Ehe geschieden war, aber: niemand von
den anderen 11 hatte sich getraut, den Kollegen darauf anzusprechen.
Ich bin sicher, in diesen beiden Punkten unterschieden wir uns gewaltig
von einer vergleichbaren Gruppe von Frauen, die das direkte Vier-Augen-Gespräch
und die Impulse zum Nachfragen des persönlichen Hintergrundes gepflegt
hätte.
Mich hat diese Erfahrung erschrocken: Sind wir beziehungsmäßig
so wenig entwickelt, oder was ist mit uns Männern los?
Eine erste Erklärung liegt im männlichen Werdegang: Es gibt
seit Jahrzehnten immer weniger Gelegenheit für einen Buben, einen
Mann im Alltag zu erleben, der seine Empfindungen, Gefühle, Fragen
offen zeigt und so für ihn selbst Modell ist, an dem er sein Verhalten
lernt: Väter verbringen immer noch wenig Zeit mit ihren Söhnen
im Vergleich zu Müttern, und andere Bezugspersonen in der frühen
Kindheit sind als Kindergärtnerinnen und Volksschullehrerinnen allesamt
Frauen. An denen jedoch lernt ein Bub nur, wie halt eine Frau reagiert
und das ist für das eigene Verhalten nicht maßgebend. Folgerung:
Sorgen wir dafür, dass Männer als gefühlvolle Väter
und Erzieher aufscheinen. Generationen von Söhnen brauchen uns!
Ein weiterer Hinweis führt zu den Regeln unserer Berufswelt, in der
der Wettbewerb dazu führt, dass sensible Informationen als Betriebsgeheimnis
behandelt werden. So ähnlich gehen wir Männer nämlich mit
unseren Empfindungen um: Als würden wir uns etwas vergeben, wenn
wir dem anderen (als Rivalen gedacht) anvertrauen, wo wir hilflos sind,
verletzbar und weich. Viele Erfahrungen unserer Männerwelt scheinen
das auch zu belegen. Nur: wenn wir unsere Weichheit, Verletzlichkeit nicht
im persönlichen Gespräch pflegen - etwa im Freundeskreis, in
vertrauten Runden - , gibt es mit der Zeit kaum mehr etwas, was wir durch
unsere Diskretion sinnvoll schützen können.
Mag. Rolf Sauer; Leiter
der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz
^
Rolf Sauer
Politik der starken Sprüche
"Das ist alles sehr kompliziert!" so lautete der Ausspruch eines
Bundeskanzlers, der nicht lang Kanzler war. Er hatte (in den meisten Fällen)
recht - und damit keinen Erfolg beim Wähler. Die Parteien sind inzwischen
schlauer geworden: Wie die Dinge genau liegen, damit können sie keine
Stimmen fangen, also wird vereinfacht und an den "Wählerwillen"
angepasst.
Die Misere der österreichischen Innenpolitik erwächst aus dieser
Taktik: die großen Parteien verfügen seit Jahrzehnten über
ein immer feineres Instrumentarium an Meinungsforschung und bringen -
ebenfalls seit Jahrzehnten - nur noch solche Botschaften groß an
die Öffentlichkeit, die für den Durchschnittswähler leicht
verdaubar sind. Logische Konsequenz: Überzeugungsarbeit ist out;
Werte, ob sozialistisch, christlich oder liberal, werden lästig und
können nicht mehr in eine praktische Auseinandersetzung und Bewährungsprobe
treten.
Entsprechend treten auch nur noch ausnahmsweise Exoten auf mit kantigen
Meinungen, denen es um Gestaltung aus aufrechter Gesinnung geht, meist
in den beiden kleinen Parteien oder bei den größeren in einer
Art Reservat. Worin liegt die Misere: Mir scheint, die EU-Sanktionen haben
das punktgenau herausgearbeitet. Ein Sprücheklopfer, der jedes Maß
verloren hat für die Dimensionen der Menschlichkeit, dem der Respekt
vor den Menschenrechten abzugehen scheint, sondern der nur mit spätpubertären,
Lacher hervorrufenden Schmähs arbeitet, ist lebensgefährlich
für das Gedeihen einer Demokratie. Warum?
In der Demokratie sind wir, das Volk, der Souverän. Wir sollten uns
als wählende Entscheidungsträger ein Bild von der Wirklichkeit
machen, das der Vielfalt des Lebens und seiner Beziehungen entspricht.
Und nicht nur das: Wir müssen mit dieser Weltanschauung wissen, worauf
wir hinauswollen, um den von uns gewählten Politikern ein Mandat
geben zu können; wie sollen sie sonst in unserem Auftrag handeln?
Statt dessen greift eine doppelte Verweigerung um sich:
1. Genau hinschauen ist anstrengend, also lassen wir uns nur noch scheinbar
Einfaches verkaufen,
2. Die Entscheidung, welche Werte ein riskantes Eintreten verdienen, überlassen
wir besser anderen.
Heraus kommt eine Untertanengesellschaft und eine schludrige Politik der
starken Sprüche.
Die starken Sprüche sind Ersatz für klare Analysen und gaukelt
Entschiedenheit aufgrund von Einsicht vor. Das macht sie so verlockend
und einlullend. Schließlich ist unsere Welt ja durchaus komplizierter
geworden. Sich selbst ein umfassendes Bild zu machen ist da ebenso anstrengend,
wie einen Standpunkt zu vertreten.
Ich plädiere für eine neue Aufklärung: Alle, denen eigene
Meinung etwas wert ist, sorgen in Ihrem Bereich dafür, dass darüber
der Austausch gepflegt wird: von der Schule, die vor politischer Enthaltsamkeit
steril wurde, bis zum Wohnzimmer im Clinch mit Jugendlichen, die von uns
Klartext hören wollen, vom Pfarrheim bis zu den Gemeindestuben. Treten
wir auf, begeben wir uns in die Auseinandersetzung, damit sich die Konturen
lichten.
Mag. Rolf Sauer; Leiter
der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz
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Maria Fellinger-Hauer
Toleranz ist nicht genug
Es soll tatsächlich
- immer noch - Männer geben, die ihren Frauen vorschreiben, mit wem
sie Kontakt pflegen dürfen und mit wem nicht, wieviele Kilo sie abnehmen
müssten und dass selbstverständlich sie für die Hausarbeit
zuständig seien.
Sind diese Frauen nun tolerant, weil sie das alles erdulden, verständnisvoll
auf sich nehmen und weitherzig gelten lassen, wie das Lexikon Toleranz
übersetzt?
Oder müssten die Männer zur Toleranz bezüglich des persönlichen
Umgangs, des Hüftumfangs und der Aufgaben und Interessen ihrer Frauen
aufgerufen werden und von wem? Und wenn ja, würde es etwas nützen?
Würde eine solche Beziehung durch Toleranz - auf welcher Seite auch
- besser werden?
Toleranz ist ein schillernder
Begriff. .
Religions- und ideengeschichtlich ist mit der Idee der Toleranz ein zivilisatorischer
Fortschritt gegenüber Absolutheitsanspruch und Fanatismus verbunden.
Mit der Erklärung der Menschenrechte kommt Toleranz in Bezug auf
Gewissens- und Religionsfreiheit jedem Menschen als Anspruch zu. Eine
pluralistische Gesellschaft wäre ohne Toleranz nicht vorstellbar.
Doch Toleranz drückt immer auch ein ungleiches Verhältnis aus:
aus Großzügigkeit dessen, der bestimmen kann, darf der andere
so sein wie er ist.
Auch hat die Toleranz Grenzen. Wo Menschenrechte missachtet werden, hört
die Toleranz auf. Wo Toleranz zur Ideologie des "everything goes"
wird, verkehrt sie sich in ihr Gegenteil.
Dies lässt sich auf das private Zusammenleben von Menschen übertragen.
Ohne Toleranz kann es auch kein Zusammenleben von Individuen geben. Aber
ohne Gleichheit ist eine Beziehung zwischen Partnern schwer vorstellbar.
Aushalten - erdulden - ist heute fast zu einem Tabu geworden. Vielleicht
weil es so lange gerade den Frauen als eine der wichtigsten Tugenden vor
Augen gestellt wurde und sie in ihrer persönlichen Freiheit behindert
hat. Trotzdem: wer mit einem Menschen zusammenleben will, kann nicht von
Harmonie auf allen Ebenen ausgehen. Vieles an Gewohnheiten und Eigenheiten
muss ausgehalten werden.
Doch das Aushalten allein ist keine Basis für eine Beziehung. Es
ist höchstens eine Voraussetzung für einen halbwegs reibungslosen
Ablauf der praktischen Erfordernisse des Alltags. Ohne Toleranz geht es
nicht. Aber für das Gelingen einer Beziehung braucht es mehr als
Toleranz. Es braucht Engagement, aufeinander Eingehen, Verständnis,
Austausch, Nähe und Geborgenheit.
Ein Freund hat mir nach der Matura, als ich sozusagen in die Welt hinauszog,
zwei aus Karton ausgeschnittene Buchstaben geschenkt - E und T . Sie sollten
mich an zwei Werte erinnern: Engagement und Toleranz. Den Freund habe
ich längst aus den Augen verloren. Die zwei Begriffe haben sich mir
eingeprägt. Sie gehören zusammen.
Um mit einem Menschen auf Dauer glücklich zusammenleben zu können,
muß ich tolerant sein gegenüber herumliegenden Socken und der
etwas anderen Art, an Lebensfragen heranzugehen. Aber ich muss mich immer
wieder neu auf ihn einlassen.
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Rolf Sauer
Was
Männer zum Reden bringt
Gemeint ist nicht
das "Reden halten", das Fachsimpeln, das Schwadronieren, das
Imponieren, also nicht das Sprechen schlechthin, sondern: was sich Frauen
so von Männern wünschen: persönlicher Austausch, Mitteilung
von Gefühlen und Empfindungen, von Wünschen und Befürchtungen,
von Ängsten und Hoffnungen.
Darin sind wir in der Regel alles andere als Meister. Die Hirnforschung
hat das jüngst untermauert, wenn sie feststellt, dass bei Männern
das Zentrum für die Gefühle in der einen, das fürs Sprechen
zuständige in der anderen Hirnhälfte angesiedelt ist, im Gegensatz
zu Frauen, wo beide Zentren nicht nur auf der selben Seite, sondern unmittelbar
benachbart und eng vernetzt sind.
Das heißt m. E.: Das Aussprechen von Gefühlen fordert uns Männern
Bemühung und Training ab, während Frauen sich hier zu Hause
fühlen. Es heißt nicht: dass wir nicht lernfähig wären:
So wie man eine Fremdsprache bis zu ihrer Beherrschung erlernen kann,
so ist es auch uns Männern möglich, Fertigkeit und Geläufigkeit
in der Sprache der Gefühle zu entwickeln.
Zwei Hindernisse gilt es zu beachten:
1. Im Berufsleben (vor allem der Männer) haben wir uns angewöhnt,
Gefühlsregungen wie ein Betriebsgeheimnis zu verbergen, da sie Wettbewerbsnachteile
bringen.
2. Von klein auf haben wir erlebt, dass praktisch alle für uns wichtigen
Personen, die Angst, Furcht, Freude, Zorn, Dank, Trauer, Aufregung, Enttäuschung,
Schmerz gezeigt haben, samt und sonders Frauen waren: die Mutter, die
Kindergärtnerin, die Volksschullehrerin (Die paar Männer waren
erstens wenige, zweitens wenig da und drittens "sachlich".)
Wie soll ein Bub da lernen, dass es für ihn o.k. ist, selbst Gefühle
zu zeigen - das erlebt er als Frauensachen.
So kommt es, dass wir nur selten die Erfahrung machen, dass sich die Äußerung
von Gefühlen, etwa von Angst, bezahlt macht: Dass damit Intimität
wächst, Verbundenheit entsteht, dass Trost und wärmende Solidarität
die Angst relativieren hilft. Und genau an diesem Punkt kann das Lernen
ansetzen, das uns Männern hilft, aus uns heraus zu gehen:
Solange wir unsere Empfindungen für uns behalten, bleiben sie diffus
und machen etwas mit uns, anstatt dass wir einen Bezug zu ihnen finden.
Wenn ich mir meine Angst eingestehe, sie (im vertrauten Rahmen) aussprechen
kann, finde ich ein Verhältnis zu ihr: Ich kann sie etwa als Warnsignal
ernst nehmen, kann Verbündete suchen oder einen Gefahrenherd meiden,
abgesehen davon, dass das Ansprechen an sich schon befreiend wirkt. Und
ich bin für andere wahrnehmbar: Wer ein vertrautes Verhältnis
zu seinen Ängsten hat, ist nicht nur stabil, sondern auch als Person
attraktiv, da er durch Offenheit Vertrauen ausstrahlt.
Was können wir konkret tun:
- Regelmäßig Tagebuch schreiben mit Fixpunkt "Wie geht
es mir eigentlich?"
- Eine gute Freundschaft pflegen und dafür sorgen, dass mein Freund
weiß, was mich persönlich umtreibt
- In Gruppen darauf achten, dass persönlicher Austausch möglich
ist, bzw. aufdecken, wenn nur groß geredet oder geblödelt wird.
Notfalls solche Gruppen meiden.
- Regelmäßige Partnergespräche mit Thema "wir beide"
- Guter Kontakt mit den eigenen Kindern
- Achten auf den Körper und seine Bedürfnisse (Sport, Schmerz,
Wohlfühlen, Hunger, Durst,
Sättigung,
sexuelle Erregung)
Wenn wir konsequent üben, trifft eines Tages auch für uns Männer
zu, was schon Luther in seiner Bibelübersetzung formuliert: "Wes
das Herz voll ist, des geht der Mund über"
Mag. Rolf Sauer; Leiter
der Abteilung Ehe und Familie des Pastoralamtes der Diözese Linz
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