„Heute… habt ihr gewonnen!“
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IWPS Bericht Nr 18; Hares; 20. Oktober 2002
Text von Angie, Claire and Karin; Bilder von Angie and
Lee
Ein großer Teil
der Olivenhaine von Yasouf liegt in unmittelbarer Nähe der
illegalen israelischen Siedlung Tapuah. Bis jetzt konnte dort nicht
geerntet werden, da radikale Siedler die Bauern mit Waffen bedrohten,
sie verbal und körperlich attackierten und Ernteutensilien
stahlen. IWPS organisierte mit der Solidaritätsbewegung ISM
eine internationale Gruppe, die für einige Zeit in Yasouf präsent
ist, um den palästinensischen Bauern die Olivenernte zu ermöglichen.
Für die Aktion am Donnerstag konnte sogar eine Gruppe von 10
Israelis kommen. Mit dem Gemeinderat wurde die Vorgehensweise erarbeitet.
Von der israelischen Seite wurde militärischer Schutz der Kampagne
versprochen.
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Auf zu Yasouf
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Es
war ein großes Ereignis in der Geschichte von Yasouf und eine
große Entscheidung. Das kleine Dorf war sich nicht gleich
einig. Einige wollten kein Blutvergießen riskieren und lieber
gehen, sollte das Gebiet zur Sperrzone erklärt werden. Der
Großteil aber überzeugte schließlich die Zögerer,
dass sie diesmal nicht gehen würden. "Sonst wird es jeden
Tag wieder passieren und die Siedler bekommen immer mehr Macht.
Wenn wir uns morgen von unserem Land vertreiben lassen, haben wir
verloren. Wir nehmen alle Kraft und allen Mut zusammen, weil ihr
hier seid. Uns ist es wichtig auf unserem Land zu sein, auch ohne
nur eine einzige Olive zu pflücken."
Am Vorabend um 21 Uhr
ertönte in die Stille der Dunkelheit eine Stimme durch den
Lautsprecher der Moschee von Yasouf:
"Der Gemeinderat von Yasouf lädt alle Familien ein, morgen
neben der Siedlung Tapuah die Oliven zu pflücken. Wenn wir
von den Siedlern attackiert werden, leisten wir nur gewaltfreien
Widerstand. Die Internationale Gruppe und einige Israelis werden
uns unterstützen und im Bedarfsfalle an die Front gehen. Keiner
von uns wird Steine werfen oder sonst Gewalt anwenden. Sollte es
doch passieren, werden unsere internationalen Freunde gehen. Wir
werden uns nicht von unserem Land vertreiben lassen. Auch wenn das
Militär es zur Sicherheitszone erklärt werden wir uns
hinsetzen und still warten, bis die Polizei kommt, die Siedler festnimmt
und wir unsere Oliven pflücken können. Treffpunkt: 6.30
Uhr am Fuße des Hügels."
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Siedler bedrohen Frauen
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Am frühen Morgen
als wir alle zum angegebenen Ort kamen, warteten bereits ca. 300
Palästinenser mit voll bepackten Eseln, Leitern, und Esskörben
auf den Köpfen. Die israelische Gruppe an der Front, die Internationalen
unter den Palästinensern verteilt, marschierte die friedliche
Prozession bergauf.
Noch nicht einmal in den Feldern angekommen,
tauchten die radikalen Siedler von Tapuah auf. Einige mit langen
Bärten, mittleren Alters, Gebetsriemen am Unterarm und einer
mit Tfillin (kleine schwarze Box mit Torarolle) auf der Stirn, eine
schussbereite M16 umgeschnallt. Darunter ein junger Bursche mit
amerikanischem Englisch, ohne Gewehr aber mit einem Messer in der
Hand. Alle gingen auf die Palästinenser und Palästinenserinnen
los, stießen sie und verlangten unverzügliches Verlassen
des Geländes.
"Go away - fuck
you all - fuck your mother - go back to Saudi Arabia where you came
from - go, or you gonna be hurt - you wanna be shot, … waren
die Worte. Die Siedler warfen Steine auf die Palästinenser
- zwei Männer wurden leicht verletzt. Ein Siedler versuchte
Kameras zu entwenden, ein anderer schleuderte Ernteutensilien in
die Felder. Soldaten kamen, aber trotz der gewalttätigen Siedler
und deren Drohungen unternahmen sie nichts.
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Siedler mit Stein
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Die Palästinenser
versammelten sich in einer Gruppe, die Internationalen bildeten
einen Schutzwall ringsum. Alle setzten sich hin und warteten. Warteten,
bis die Polizei kommt, um die bewaffneten Siedler festzunehmen.
Erst sehr spät tauchten mehr Militärautos auf, die Soldaten
standen zu fünft um die Autos und nur wenige kamen ins Feld.
Aber auch diese konnten nichts gegen die Siedler unternehmen. Obwohl
sie das Recht haben, Waffen im Bedrohungsfall abzunehmen, geschah
nichts. Als ich einen Soldaten ansprach und ihn auf die Siedler
hinwies, die auf Palästinenser von hinten zugingen, meinte
dieser nur: "I relax now. I know these situations." Auch
als endlich die Polizei erschien, standen sie ca. 20 min oben an
der Straße und beobachteten das Geschehen, bevor sie endlich
hinunterfuhren und unterwegs zwei Siedlern die Waffen abnahmen.
Es ist zu erwähnen, dass sich die palästinensische Seite
geschlossen an das gewaltfreien Versprechen hielt.
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Siedler und Soldaten
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Nawwaf (Palästinenser), Or (Israeli) und
Karin (Internationale) konnten mit den Soldaten und der Polizei
aushandeln, dass alle im unteren Teil des Gebietes ernten und das
Militär für Sicherheit sorgen werde. Die versprochene
militärische Schutztruppe war anscheinend an einen falschen
Ort bestellt worden. Für den anderen Teil werde dann ein neuer
Tag - nächste Woche ausgemacht. Aber dann ist es vermutlich
zu spät, wenn alle Oliven von den Siedlern bereits geerntet
sind.
Ungefähr zwei Stunden später hatten
die Siedler das Gelände verlassen, und es konnte endlich mit
der Olivenernte begonnen werden. Oben am Wegesrand überwachte
ein Militärjeep die Straße und stoppte die Siedler, besonders
als sich die Palästinenser mit ihren vollen Olivensäcken
auf den Heimweg machten.
Ein Soldat, der vorher einer Internationalen
erklärt hatte, dass es ihm missfällt was passiert und
er die Tage bis zum Ende seines Einsatzes zählt, kam und half
einer palästinensischen Familie über die Wegkreuzung und
rief ihnen nach, "heute ... habt ihr gewonnen."
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Heimkehr
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Es geht nicht nur darum, Oliven ernten zu können.
Es geht um freien Zugang zum eigenen Land, das schon zu großen
Teilen enteignet wurde. Die Bauern von Yasouf wollen nicht mehr
nachgeben, sie wollen sich nicht mehr von willkürlichen "militärischen
Sperrzonen" abhalten lassen, ihr Land zu bewirtschaften. Sie
wollen ihr Erbe pflegen. Es geht um Weitergabe der Geschichte einer
Nation, um Identität, um Heimat und die Freiheit, sich um genau
diese Dinge kümmern zu können, ohne sich jedes Mal von
der Besatzungsmacht eine Genehmigung holen zu müssen.
Am Abend danach war sich dann das ganze Dorf einig: heute haben
WIR gewonnen.
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